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Alte Haustierrassen - Vie(h)lfalt erhalten

Alte Haustierrassen – Vom Aussterben und Vergessen bedroht
Sie sind robust und langlebig. Sie sind genügsam, gesund und resistent gegen Krankheiten und Stress. Sie sind fruchtbar und haben gute Mutterinstinkte. Und: Sie sind vom Aussterben bedroht!

Bedroht sind hier nicht die Arten, sondern die einzelnen Rassen von Sus scrofa domestica (das Hausschwein), Bos taurus taurus (das Rind), Galliformes phasianidae (Geflügel), Ovis gmelini aries (das Schaf), Capra hircus (die Ziege), Oryctolagus cuniculus domestica (das Kaninchen) und Equus ferus caballus (das Pferd). Einst zeichnete sich die Landwirtschaft durch regional angepasste Züchtungen mit hoher genetischer Vielfalt und großen kulturellem Wert aus. Ein Rind galt noch als Dreinutzungstier (Zug, Milch, Fleisch), das Pferd wurde vor den Pflug gespannt und der Hund musste auf die Schafherde aufpassen. In den fünfziger Jahren wuchs das Vertrauen in den technischen Fortschritt und die Motorisierung hat das Bild der Landwirtschaft komplett verändert. Man beschränkte sich auf wenige Rassen, die nur noch für einen Zweck, auf Hochleistung und schnellen Ertrag, gezüchtet wurden. Dabei half die künstliche Besamung. Die Bullen konnten nun stärker selektiert und deren Nachkommenzahl beachtlich erhöht werden. Die alten Rassen wurden systematisch verdrängt. Nun stehen viele davon auf der Roten Liste der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH)“ und drohen auszusterben. Mit ihnen verlieren wir wertvolle Gene und Eigenschaften wie Resistenz gegenüber Krankheiten und nicht zuletzt ein Kulturgut, das einst eine Region auszeichnete. Kurzfristig gesehen, mögen die heutzutage gefragten Rassen mehr Profit einbringen, doch auf längeren Zeitraum betrachtet sind widerstandsfähige, robuste Rassen sicherlich wirtschaftlicher.
Alte Haustierrassen: Kennst du die?
Das Angler Rind (alte Zuchtrichtung)
Rote Liste: Kategorie I – extrem gefährdet

Es hat nur gute Eigenschaften und ist dennoch beinahe ausgestorben: Das Angler Rind. Zeichnung: Rieke Blendermann.
...stammt aus Angeln an der Ostküste Schleswig-Holsteins und wurde erstmals im 16. Jahrhundert schriftlich erwähnt. Das rote Rind lieferte Milch und Fleisch und wurde zur Feldarbeit angespannt.

Der hohe Fettanteil der Milch gab dem Angler damals die Bezeichnung „deutsche Butterkuh“. Doch den neuen betriebswirtschaftlichen Anforderungen (Menge der Milch wurde wichtiger als ihre Inhaltsstoffe) konnte das Angler Rind nicht mehr entsprechen. Um die Milchleistung noch weiter zu steigern, wurden intensiv Einnutzungsrassen eingekreuzt. Diese Verdrängungszucht endete damit, dass der Bestand an alten, reinrassigen Angler Rindern extrem gefährdet ist.
Warum das Angler Rind so wertvoll ist:
Das Brillenschaf
Rote Liste: Kategorie I – extrem gefährdet

Der hornlose, unbewollte, stark geramste Kopf zeigt die namensgebende Zeichnung, die „Brille“. Zeichnung: Rieke Blendermann.
...auch Kärntner Brillenschaf genannt, ist schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt. Das ursprüngliche Zuchtzentrum war das ehemalige Kärnten (heute Slowenien). Die besonderen Kennzeichen des Brillenschafs sind die schwarzen Flecken um die Augen und die fast schwarzen Ohren. Ab den 30er Jahren wurde das Brillenschaf systematisch verdrängt, da eine Vereinheitlichung der Zuchtziele aller Bergschafrassen angestrebt wurde. Das Brillenschaf ist ein robustes Tier, das sich an Höhenlagen sehr steig- und trittsicher erweist und auch mit hohem Niederschlag gut zurecht kommt.
Eigenschaften, die für das Brillenschaf sprechen:
Das Augsburger Huhn

Rote Liste: Kategorie I – extrem gefährdet

Schwierig zu züchten ist der besondere kronenartige Kamm des Augsburger Huhns. Zeichnung: Rieke Blendermann
Entstanden aus französischen La-Flèche- und italienischen Lamotta-Hühnern, trägt das Augsburger ein schwarzes Gefieder mit blau oder grün schimmerndem Glanz und einen Becherkamm wie eine Krone. Es stammt aus dem Jahre 1870, einer Zeit, in der Leistung und Schönheit noch als untrennbares Merkmal galten. Heute sind nur noch etwa zehn Hochleistungshühnerrassen gefragt, bei denen nur die Eierproduktion zählt. In den 60er Jahren war das Augsburger noch sehr beliebt, doch in den 90ern war es schon fast ausgestorben.
Vorzüge des Augsburger Huhns:
Das Wollschwein

Rote Liste: Kategorie „Rassen aus anderen Ländern“

Die wolligen Borsten schützen vor Kälte und Hitze. Zeichnung: Rieke Blendermann.
... stammt aus Ungarn, ist auch unter dem Namen Mangalitza bekannt und gehört zu den ältesten europäischen Schweinerassen (etwa 1830). Es wurde gezüchtet um die Mangelware Fett in Notzeiten zu liefern. Doch nach dem zweiten Weltkrieg haben sich die Verbrauchererwartungen geändert und es war nur noch mageres Fleisch gefragt. Ihre wollartigen Borsten machen das Wollschwein kälteresistent, schützen es vor Hitze und ermöglichen somit eine ganzjährige Freilandhaltung. Es zeichnet sich durch einen gutmütigen Charakter und sehr gute Muttereigenschaften aus. Die Ferkel haben eine Streifenzeichnung wie Wildschweinfrischlinge. Heute wird das Wollschwein als gefährdete Rasse in Österreich anerkannt.
Warum das Wollschwein so besonders ist:
Aus Alt mach Neu? Oder doch besser altbewährt?
Erst Haus-, dann Nutz-, dann Masttier
Bereits vor ca. 8000 Jahren begann der Mensch Wildtiere zu zähmen und deren Produkte und Energie zu nutzen. Galten Haustiere zwar schon damals dem Nutzen des Menschen, stellten sie dennoch für ihren Besitzer einen großen Wert da. Schweine wurden so vielseitig und effizient genutzt, dass es kaum möglich ist hier alle Varianten aufzuzeigen. Sicher ist jedoch, dass ein Tierleben im Ermessen seines Besitzers ein „möglichst langes“ und sinnvolles Leben haben sollte. Schweinehaut wurde z. B. gegerbt und das Leder zu Schuhen, Säcken und anderen nützlichen Gegenständen verarbeitet. Die Borsten kamen für Pinsel oder Bürsten zur Säuberung von Rindern zum Einsatz. Im Mittelalter waren Rind und Schwein die häufigsten zur Fleischversorgung gehaltene Nutztiere. Als sogenanntes „Dreinutzungsrind”, wurde ein Rind nicht nur für den Aufbau von Biomasse, oder für die Produktion von Milch am Leben erhalten, sondern war essenziell als Arbeitstier bei der Bestellung der Felder, als täglicher Milch- und Fleischspender für den Eigenbedarf zur Erhaltung eines Hofes (Familie, Gesinde) notwendig.

Schweine wurden in frei laufenden Herden in der Nähe von Wäldern gehalten oder auf eingezäunten Weideflächen innerhalb einer Siedlung. Diese getrennte Haltung durch unterschiedlichste Höfe, die relative Abgelegenheit vieler Landstriche und Talschaften und die übliche Freilandhaltung ermöglichten die Entwicklung einer Vielzahl an verschiedenen Rassen und Schlägen. Diese waren durch natürliche Selektion und Selektion der robusten und gesunden Tiere durch den Menschen im Laufe der Jahrhunderte perfekt an ihre natürliche Umgebung angepasst.
Die Domestikation und Züchtung, die in der Zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte und die bodenständigen Rassen immer weiter von ihren robusten Vorfahren trennte, sah mehr und mehr die Produktivität, die Erzeugung von mehr Biomasse an richtiger Stelle, mehr Milch usw. als Ziel.

Durch steigende Steuerlasten sahen sich zu dieser Zeit immer mehr Bauern gezwungen hofeigene Produkte zu Geld zu machen und dem endsprechend mehr zu produzieren, oder aufgrund der rasch wachsenden Wirtschaft in den Städten zu arbeiten. Auf die dort zunehmenden Massen an Menschen reagierte man mit den ersten Tierfabriken und gezielten Züchtungen vor ca. 100 Jahren. Denn natürlich waren viele der bodenständigen Rassen den neuen Anforderungen nicht gewachsen. Bis zu diesem Zeitpunkt unterschieden sich Hausschweine optisch nicht stark von den Wildschweinen.

Beim Schwein ebenso wie beim Rind waren nun schnell wachsende Tiere gefragt. Vor dem Zweiten Weltkrieg sollten sie noch möglichst fett und nahrhaft sein, danach hochwertig und mager. Fleisch, das an Schweinen mit langen Körpern, dicken Schinken und 1-2 Rippenpaaren mehr, herangezüchtet wurde.
Ebenso wie die Nutzung der Tiere musste sich auch deren Haltung, um den Ansprüchen des 20. und 21. Jahrhunderts zu genügen, einigen Veränderungen unterziehen. Die ehemals in so großer Zahl und in unterschiedlichsten Schlägen vorhandenen Schweinerassen wurden durch offensive Züchtung auf wenige, fleischwüchsige Rassen reduziert. Vergleichbares geschah bei den Rindern. Die Zahl der Bauern sank beträchtlich, die Anzahl der Tiere pro Betrieb stieg dagegen sehr stark an.
Die aktuellen Verhältnisse
Weltweit sind, laut der Welternährungsorganisation FAO, ungefähr 6500 Nutztierrassen erfasst. Insgesamt sind schon 740 Rassen ausgestorben und weitere 40% der erfassten Arten sind stark gefährdet. 70 Arten kommen davon in Deutschland vor.
Allerdings werden von verschiedenen Organisationen unterschiedliche Gefährdungskriterien vorausgesetzt, sodass es verschiedene Grenze zur Einstufung einer Art als gefährdet gibt.
Die Organisation „ Vielfältige Initiative zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (VIEH)“ zählt alle Rassen zur gefährdeten Art, die in ihrem Bestand nicht ausreichend sind, um die Vielfalt der Landwirtschaft zu erhalten, d.h. in diesem Fall, dass die Arten auch landwirtschaftlich genutzt werden müssten.
Im Kriterienkatalog der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH)“ wird eine Rasse als gefährdet eingestuft, wenn die Population unter eine Mindestbestandszahl abgerutscht ist und sich über einen Zeitraum von zwei Jahren durchschnittlich um mindestens 10% verringert. Die einzelnen Stufen der Gefährdung sind in diesem Fall allerdings wieder die subjektive Betrachtungsweise der Fachleute.

Für die Zukunft wird darüber nachgedacht, ob nicht ein einheitlicher Kriterienkatalog, wie er von der FAO bereits vorgelegt wurde, zum Vergleich auf internationaler Ebene zugrunde gelegt werden sollte.
Wer hilft dem Wollschwein denn nun?
Es gibt verschiedene Organisationen, die als Informationsquelle und Unterstützer von Arche-Höfen dienen. Arche-Höfe fördern bewusst die Erhaltung von vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen, in dem sie diese in die landwirtschaftliche Nutzung wieder miteinbinden. Folgend sind beispielhaft zwei Organisationen vorgestellt, die Arche-Höfe unterstützen.

Die GEH setzt sich seit 1981 für die Lebenderhaltung der Nutztierrassen ein. Das bedeutet, dass die Tiere nicht als Streichelzoo-Projekt gehalten werden, sondern so auf dem Betrieb eingebunden sind, dass eine langfristige Erhaltung gewährleistet ist. 1995 hat die GEH das Arche-Hof-Projekt gestartet, dem mittlerweile über 80 Höfe angehören. Auf diesen Höfen können interessierte Privatpersonen oder Schulklassen alte, oft ungewohnt aussehende Tierrassen kennenlernen und Einblick in die Erhaltungsarbeit bekommen.
„Vielfältige Initiative zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen (VIEH)“ ist eine Bürgerinitiative, die als Informationsplattform zum Thema Erhaltung von Nutztierrassen, wie auch als Unterstützer von Nutztier-Archen fungiert. Diese Initiative wurde ursprünglich als Verein 2004 gegründet, der aber aufgrund unter anderem von mangelnden Mitgliederzahlen nur als Bürgerinitiative aufrechterhalten werden konnte.
Gene und Kulturgut
Die Diepholzer Gans, das Bunte Bentheimer Schwein oder das Ramelsloher Huhn sind alte Haustierrassen, die stark regional geprägt sind und somit auch Teil der kulturellen Tradition der entsprechenden Region. Den Erhalt der genetischen Vielfalt von vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen zu bewahren, ist auch ein Bewahren der kulturellen Vielfalt der jeweiligen Regionen. Das genetische Potenzial mit Eigenschaften wie Robustheit, Langlebigkeit, Genügsamkeit, Widerstandsfähigkeit gegenüber z.B. Anfälligkeit für Krankheiten sind unwiederbringlich verloren gegangen bzw. gehen immer noch verloren.
Was spricht jetzt noch dagegen?
Durch extreme Züchtungen zu „Hochleistungsmaschinen“ sind die Tiere mit der Ausrichtung auf Quantität an ihre Grenzen gestoßen. Häufige Folgen sind Unfruchtbarkeit, extreme Stressanfälligkeit und Schwierigkeiten bei der Geburt.

Im Gegensatz dazu hatten die alten Nutztierrassen lange Zeit sich an ihre jeweilige Umgebung perfekt anzupassen. Sie erreichen zwar nicht das Gewicht und die Menge an Milch und Fleisch, wie die Hochleistungstiere, sind aber in ihrer Qualität deutlich besser. Die Produkte alter Haustierrassen können durch Ruhe und Zeit Qualitäten wie z.B. feinfaseriges Fleisch und spezielle Fettsäuremuster ausbilden. Im Gegensatz zum wässrigen Fleisch der Hochleistungstiere haben die alten Nutztierrassen durch langsamere und stressfreiere Entwicklung einen deutlich intensiveren Geschmack.

In der Zeit der landwirtschaftlichen Überproduktion ist es nicht mehr nötig die Menge, die ein einzelnes Tier produziert, als wichtigstes Merkmal bei Züchtungen zu berücksichtigen.
Wo bekommt man Produkte von alten Haustierrassen?
Definitionen
Rasse: Zuchtrasse
auf bestimmte Zuchtziele hin (Schönheit, Nutzwert, Genügsamkeit oder klimatische Verträglichkeit u. a.) einheitlich züchterisch bearbeitete Sorte von Haustieren.

 

 

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