Die aktuelle Forschung in diesem Bereich scheint auf den ersten Blick widersprüchlich und ambivalent. So weisen z. B. Neurowissenschaftler:innen darauf hin, dass die Nutzung von Sprachmodellen beim Schreiben dafür sorgt, dass weniger kognitive Ressourcen genutzt werden und sich die Gehirnaktivitäten verschieben (Kosmyna et al, 2025: your Brain on ChatGPT). Es gibt Hinweise darauf, dass die unkontrollierte Nutzung von proprietären Sprachmodellen dafür sorgt, dass Lernende weniger lernen (Bastani et al, 2024: Generative AI Can Harm Learning), dass die Nutzung zu gedanklicher Faulheit führen kann (Fan et al, 2024: Beware of metacognitive laziness) oder dass Studierende sich zu sehr auf die GenKI-Systeme verlassen (overrealiance) und die Outputs auch auf ihrem eigenen Studiengebiet nicht hinterfragen (Krupp et al, 2024: Unreflected Acceptance). Andere Studien weisen darauf hin, dass speziell trainierte GenKI-Systeme (Kestin et al, 2025: AI tutoring outperforms in-class active learning) oder GenKI-Systeme mit RAG-Funktionen (Ma et al, 2024: Integrating AI tutors in a Programming Course) bei Studierenden zu besseren Lernergebnissen führen. Bei Studierenden, die nicht in ihrer Erstsprache studieren, kann die Nutzung von GenKI-Modellen zu einer verbesserten sprachlichen Qualität führen (Nguyen Minh, 2024: Leveraging ChatGPT for Enhancing English Writing Skills and Critical Thinking in University Freshmen).
Inwiefern die GenKI-Nutzung Lernen grundsätzlich verhindert, kommt also darauf an, wie die Modelle genutzt werden. Aufgrund der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von proprietären GenKI-Modellen besteht allerdings die Gefahr, dass diese außerhalb von Forschungsexperimenten unkontrolliert genutzt werden. Da Sprachmodelle schnell fehlerfreie und gut klingende Texte produzieren, ist ihre Nutzung verführerisch. Dies kann dazu führen, dass Studierende ihre eigenen Fähigkeiten in Frage stellen, verlieren (Deskilling) oder gar nicht erst entwickeln (Skill Skipping). Beim Programmieren wird in diesem Fall von Vibe Coding gesprochen, d. h. Personen ohne Programmierkenntnisse lassen sich Code von GenKI-Programmen ausgeben (mit signifikanten Sicherheitsproblemen). Ähnliche Praktiken finden sich mittlerweile auch im Designbereich (Vibe Designing).
Für die Lehre an der Hochschule bedeutet das vor allem, dass Lernende in ihrer Nutzung GenKI-Nutzung kritisch begleitet werden müssen. Es reicht nicht, die Nutzung der Modelle zu erlauben. Ergänzend sollten auch wissenschafts- und berufsethische Fragen bearbeitet werden.
Studierende sollten lernen, sich aktiv mit Themen auseinander zu setzen. Kritische Betrachtungen, Deutungen, Wertungen sollten nicht einer KI überlassen werden, sie gehören zu wichtigen Denk- und Lernschritten, die Studierende im Studium lernen sollten. Dazu muss ihnen innerhalb der Lehrveranstaltungen Gelegenheit gegeben werden.