
Immer mehr Menschen wollen ihr Zuhause nicht länger mit fossilen Energieträgern beheizen, denn Gas und Öl bedeuten Preissteigerungen, Abhängigkeit und klimaschädliche Emissionen. Was aber tun, wenn am Haus wenig Platz für eine Wärmepumpe ist und Fernwärme einen Bogen um das Quartier macht? Ein Forschungsprojekt der Klimaschutzagentur energiekonsens und der Hochschule Bremen (HSB) zeigt, dass kalte Nahwärmenetze diese Lücke schließen können – wenn die Voraussetzungen stimmen.
Ein großer Teil der CO2-Emissionen im Land Bremen entsteht, weil Rohstoffe verbrannt werden, um Gebäude zu heizen und Wasser zu erwärmen. Das passt nicht zum Ziel, im Jahr 2038 klimaneutral zu sein. Während die Wärmepumpe für viele Gebäude eine klimafreundliche und effiziente Lösung ist und auch Fernwärme durch den zunehmenden Einsatz erneuerbarer Energien zur Dekarbonisierung beiträgt, gibt es in Städten dicht bebaute Bereiche, in denen unklar ist, welche Lösung infrage kommt. In Bremen fallen immerhin rund 30 Prozent des Gebäudebestandes in diese „graue Zone“. Das entspricht etwa 360.000 Tonnen CO2-Equivalenten im Jahr.
„Von den Bürgerinnen und Bürgern selbst getragene kalte Nahwärmenetze, die von oberflächennaher Erdwärme gespeist werden, können eine bestehende Versorgungslücke schließen und einen Beitrag für einen klimafreundlicheren Wärmesektor leisten“, so Martin Grocholl, Geschäftsführer von energiekonsens. „Aber damit sind auch Herausforderungen verbunden. Im Projekt haben wir herausgefunden, dass die Technik praxistauglich ist. Entscheidend für den Erfolg sind daher weniger technische Fragen als politische, finanzielle und organisatorische Rahmenbedingungen.“
Neben Befragungen von Anwohnenden, Gesprächen mit Vertreter*innen aus Wissenschaft und Politik sowie Literatur- und Dokumentenanalysen hat eine Bremer Besonderheit entscheidend zum Erkenntnisgewinn beigetragen: Mit der eingetragenen Genossenschaft ErdwärmeDich Anergienetze gibt es einen bürgerschaftlichen Zusammenschluss, der die Wärmewende selbst in die Hände nimmt. Die Forschenden konnten so unmittelbar verfolgen, welche Hürden und Chancen beim Aufbau eines bürgerschaftlich getragenen Wärmenetzes auftreten.
Ziel der Genossenschaft ist im ersten Schritt der Aufbau eines kalten Nahwärmenetzes in der Humboldtstraße, das Wärmepumpen in den einzelnen Häusern mit Erdwärme versorgt. Probebohrungen, Simulationen und Berechnungen haben bereits gezeigt, dass es technisch umsetzbar ist.
Dass es so weit gediehen ist, liegt am großen Engagement und der Ausdauer der Mitglieder. Denn da alles im Ehrenamt geschieht, verfügen sie im Vergleich zu etablierten Versorger*innen über geringere technische, finanzielle und administrative Kapazitäten. Auch um rechtliche Anforderungen und technische Herausforderungen mussten sie sich beim Betreten des Neulands kümmern.
Unterstützt wird das Pilotprojekt bereits durch Bundes- und Landesförderungen, politische Begleitung sowie fachliche Expertise. Damit das Konzept in größerem Stil etabliert und über die Humboldtstraße hinaus möglichst schnell einen Beitrag zur Wärmewende leisten kann, bedarf es weiterer Schritte.
„Bürgerschaftliche Initiativen wie `ErdwärmeDich` brauchen vor allem Unterstützung durch Kommunen“, erklärt Professor Dr. Winfried Osthorst von der Hochschule Bremen. „Dazu gehören klare Rahmenbedingungen, eine enge Begleitung durch die Verwaltung und finanzielle Förderungen. Außerdem können Städte und Gemeinden die Kosten senken, indem sie Bauarbeiten besser koordinieren oder den Ausbau des Wärmenetzes unterstützen – zum Beispiel, indem öffentliche Gebäude als Ankerkunden von Anfang an an das Netz angeschlossen werden.“ Winfried Osthorst hat im Zusammenhang mit dem Pilotprojekt das Forschungsprojekt „Urbane Anergienetze als Instrument der Wärmewende in Bremen“ geleitet. Es wurde von Juni 2024 bis Juli 2026 von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit rund 170.000 Euro gefördert.
Eine Befragung im Rahmen des Projekts hat ergeben, dass es in der Stadtgesellschaft eine Offenheit gegenüber bürgerschaftlich getragenen Anergienetzen gibt, während das Wissen darüber noch deutlich ausbaufähig ist. Eine klare Kommunikation und Beratungsangebote sind darum für den Erfolg entscheidend.
„In Bremen haben sich mittlerweile mehrere Cluster zusammengetan, um gemeinsam kalte Nahwärmenetze aufzubauen, und auch bundesweit haben immer mehr Kommunen Interesse an diesem gemeinwohlorientierten Ansatz“, so Grocholl. „Die Projektergebnisse zeigen, welche Schritte nötig sind, um dieses Interesse und diese Bereitschaft erfolgreich in eine klimafreundliche und unabhängige Wärmeversorgung zu übersetzen.“
Frida Kopka
Projektmanagement im Bereich Bau und Stadtentwicklung
energiekonsens – Kilmaschutzagentur für Bremen und Bremerhaven
Telefon: +49 421 - 37 66 71-39
E-Mail: kopka@energiekonsens.de

Prof. Dr. Winfried Osthorst
Course Director ISPM & INA M. Sc.
+49 421 5905 2592
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