
Sie haben bei Wind und Wetter Segelmanöver geübt, standen am Ausguck und haben das Ruder übernommen. Tag und Nacht sind sie ihre Wache angetreten und haben auf engstem Raum zusammen gegessen und in ihren Kojen geschlafen. Für insgesamt 23 Nautikstudierende der Hochschule Bremen (HSB) waren es sechs intensive Segeltage. Von Bremerhaven bis Kiel sind sie im August mit dem traditionellen Großsegler Alexander von Humboldt 2 – kurz: Alex-2 – unterwegs gewesen.
Der Törn führte die Crew von Bremerhaven durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Ostsee. Hier fuhr die Besatzung verschiedene Segelmanöver, bis sie nach fünf Tagen im Kieler Hafen anlegten. In dieser Zeit konnten die Studierenden ihr Wissen in den Bereichen Navigation, Rudersysteme sowie Hafen- und Notfallmanöver anwenden und festigen. Unterstützt und angeleitet wurden sie dabei von drei Lehrenden der HSB und der Crew des Schiffes.
Heutzutage verlassen sich viele Seefahrer:innen bei der Navigation auf moderne GPS-Geräte. Während des Törns mit der Alex-2 berechnet Paul Haarstert mit einem Sextanten die eigene Position. Das traditionelle Winkelmessgerät misst dies anhand des Horizontes und eines Himmelskörper, bspw. der Sonne.
© HSB - Louisa Windbrake
„Das Leben an Board kann auch mal echt anstrengend sein und manchmal ist es schwierig sich aufzuraffen“, sagt Paul Haarstert. Er studiert Nautik im ersten Semester. „Wenn man dann aber mit seiner Wache an Deck steht macht es immer sehr viel Spaß! Wir sind wirklich als Team zusammengewachsen und haben in jeder Situation an einem Tampen gezogen.”
Bei Wind und Wetter im Einsatz: Finja Schweers am Rigg der Alex-2.
© HSB - Louisa Windbrake
„Mir hat besonders das Zusammenleben und -arbeiten an Board gefallen“, so Finja Schweers. „Innerhalb unserer Wache hat sich in der kurzen Zeit Vertrauen und echter Zusammenhalt aufgebaut. Sowas erlebt man nur auf einem Schiff!”. Finja Schweers studiert Nautik im zweiten Semester und ist bereits vor ihrem Studium auf Traditionsseglern gesegelt.
Ein besonderes Highlight erwartete die Besatzung gegen Ende der Reise: Kurz vor Kiel absolvierte die gesamte Crew der Alex-2, gemeinsam mit den Seenotretter:innen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS), verschiedene Notfallmanöver. Dabei gab es drei unterschiedliche Szenarien:
Im ersten Szenario wurde ein Brand im Maschinenraum simuliert, bei dem eine verletzte Person geborgen werden musste.
Im zweiten Szenario ging es um die Rettung von Menschen, die aus Panik über Bord gesprungen waren. Mehr als 20 Personen, darunter auch die Studierenden, sprangen dafür mit Überlebensanzug und Schwimmweste von Bord in die Ostsee und wurden anschließend von den Seenotretter:innen geborgen. Die Studierenden der HSB absolvieren bereits zu Beginn ihres Studiums ein Basic Safety Training, das sie auf verschiedene Notsituationen an Bord vorbereitet. Bei der Übung konnten sie dieses Wissen unmittelbar anwenden und weiter vertiefen.
Im dritten Szenario galt die Alex-2 als manövrierunfähig und musste von den Seenotrettern abgeschleppt werden.
Die Notfallübungen tragen dazu bei, dass alle Beteiligten für den Ernstfall gut vorbereitet sind – sowohl die Studierenden als auch die Stammbesatzung der Alex-2 und die Seenotretter:innen der DGzRS.
„An Bord der Alex-2 erlebt man die Seefahrt in ihrer ursprünglichsten Form, alle machen alles“, sagt HSB-Professor Bastian Gruschka. Er ist als Leiter der Maschinenanlage zusammen mit seinen Kollegen Professor Thomas Jung (Kapitän) und dem Lehrbeauftragten Dr. Phillip Rogge (Schiffsarzt) mitgefahren. Die Besatzung ist stets so aufgeteilt, dass rund um die Uhr ein Drittel der Crew arbeiten kann: Segel setzen und trimmen, am Ruder den richtigen Kurs halten, als Ausguck den Seeraum überwachen oder mit der Seekarte die nächsten Manöver planen.
Die Alex-2 wird von der Deutschen Stiftung Sail Training betrieben. Die Stiftung ermöglicht eine vergünstigte Teilnahme der Studierenden der HSB an dem fest zum Curriculum gehörenden Segeltörn und fördert somit die Nachwuchssicherung für nautisches Personal. Viele Studierende bleiben der Alex-2 auch danach treu und fahren als Leichtmatrose, Matrose oder später als Steuermann/-frau noch viele weitere Reisen weiter. Die Professor:innen fahren darüber hinaus ehrenamtlich als Kapitän oder als Leiter der Maschinenanlage auf der Alex-2 zur See. Aber auch bei technischen Problemen oder Modernisierungen stehen die Fachleute der HSB der Alex-2 mit Rat und Tat zur Seite.
"Ein großer Dank gilt hier der Kieserling Stiftung aus Bremen, die durch ihre finanzielle Unterstützung den Törn für die Studierenden erst ermöglicht", betont Bastian Gruschka.
Die maritimen Aktivitäten der Hochschule Bremen in Lehre und Forschung sind breit gefächert: In der Lehre sind die Studiengänge der HSB im Bereich Nautik, Shipping & Chartering sowie Schiffbau & Meerestechnik sehr international aufgestellt. Sie bieten größtenteils englischsprachige Programme: Von den aktuell rund 450 Studierenden kommen fast die Hälfte aus dem Ausland.
Neben einem Segeltörn auf der Alex-2 und weiterer Praxisanteile sind Schiffssimulatoren ein integraler Bestandteil der nautischen Ausbildung und maritimen Forschung an der HSB. Die Studierenden werden darin auf die Aufgaben an Bord vorbereitet. Die Ausbildung von Lots:innen findet ebenfalls in den Simulatoren statt. Die Industrie braucht die Unterstützung der HSB in der Forschung – zum Beispiel bei der Risikoanalyse und der Untersuchung von Unfällen, bei denen die Simulatoren intensiv genutzt werden.
Die nachhaltige Nutzung der Meere unter anderem als Verkehrsträger und Ressource ist eine wichtige Herausforderung für Technik, Wirtschaft und Gesellschaft. Mit seinem Forschungs- und Lehrangebot leistet der Forschungscluster „Blue Sciences“ der HSB hier einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung von maritimer Wirtschaft und Technologie unter Berücksichtigung der marinen Umwelt.