Forschung auf internationalem Niveau braucht zusammenhängende Zeit. Neben dem laufenden Lehrbetrieb an Hochschulen lassen sich große empirische Projekte kaum bis zur Fertigstellung bringen. Ein Forschungssemester schafft Freiraum, um Daten gründlich auszuwerten, Ergebnisse aufzuschreiben und sie mit Fachkolleg:innen auf Konferenzen und bei Forschungsaufenthalten zu diskutieren. Und das Wertvolle daran: Alles, was dabei entsteht, fließt anschließend wieder in die Lehre und in die Hochschule zurück. Dr. Stefan Veith, seit 2019 Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fakultät 1 - Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Bremen (HSB) berichtet im Interview, was er in seinem Forschungssemester gemacht hat und wie nicht nur er, sondern auch seine Studierenden und Kolleg:innen davon profitieren.
Im Mittelpunkt standen drei empirische Projekte, die alle um dieselbe Grundfrage kreisen: Machen neue internationale Rechnungslegungsregeln die Geschäftsberichte von Versicherungsunternehmen für Außenstehende wirklich aussagekräftiger, und merkt man das an den Aktienmärkten? Konkret ging es um zwei große Reformen, die europäische Versicherer seit Kurzem anwenden müssen. Ich habe geschaut, ob die Berichte dadurch informativer geworden sind und ob Anlegerinnen und Anleger die neuen Informationen tatsächlich in ihre Bewertung einfließen lassen.
Ganz klar international. Für die Analyse habe ich europäische Versicherungskonzerne über rund zwanzig Jahre untersucht und mit Unternehmen verglichen, die von den Reformen nicht betroffen waren. Der Blick reicht dabei über Europa hinaus, denn in einem der Projekte stelle ich die europäische Praxis, Risikoinformationen zu veröffentlichen, den USA und Japan gegenüber, wo dieselben Informationen vertraulich bleiben. Auch meine Mitautoren sind über die Welt verteilt: in Kanada, den USA, Japan und Großbritannien. International war das Semester aber nicht nur inhaltlich, es hat mich auch selbst ins Ausland geführt, allen voran für drei Wochen an eine US-Universität.
In den USA habe ich drei Wochen an der University of Iowa verbracht: am dortigen Tippie College of Business. Dort habe ich zusammen mit meinem Koautor Cameron Ellis intensiv an einem der Papiere gearbeitet, das wir in dieser Zeit fast fertigstellen konnten, und ich habe meine Forschung im Forschungsseminar der Fakultät vorgestellt.
Daneben war ich auf mehreren Konferenzen zu Gast: in Bremen bei der think17-Konferenz, mit einem eingeladenen Hauptvortrag bei einer Online-Konferenz in Indonesien sowie bei einer Finanzkonferenz im tschechischen Karviná, wo ich zugleich als Diskutant tätig war.
Richtig, in einem von der EU geförderten Vorhaben unterstütze ich die algerische Investitionsförderungsbehörde beim Aufbau eines Systems zur Leistungsmessung. Dazu war ich zu mehreren einwöchigen Einsätzen in Algier. Solche Partnerschaften bringen europäische Verwaltungserfahrung in andere Länder und passen inhaltlich gut zu meiner Forschung zum öffentlichen Sektor.
Das Bild ist differenziert, und gerade das macht es spannend. Ein zentrales Ergebnis: Die Bilanz, also die Übersicht über Vermögen und Verpflichtungen, ist durch die neuen Regeln deutlich aussagekräftiger geworden. Am Aktienmarkt zeigt sich außerdem, dass die Kursreaktionen der Anlegerinnen und Anleger systematisch mit bestimmten Bilanzmerkmalen zusammenhängen. Die Investorinnen und Investoren schauen also genau hin.
Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen Europa und dem Rest der Welt. In Europa müssen Versicherer ihre Risikolage seit einigen Jahren veröffentlichen, während sie in den USA und Japan nur vertraulich an die Aufsicht berichten. Dieser Unterschied wirkt erheblich: Wo die Risikoberichte für jeden zugänglich sind, sinkt das Ausfallrisiko der Unternehmen spürbar, und der Markt ist besser informiert. Am stärksten profitieren die Lebensversicherer, deren Geschäft besonders komplex und schwer zu durchschauen ist.
Und anders als man befürchten könnte, verteuert diese Transparenz die Finanzierung der Unternehmen nicht. In den Daten deutet sich eher eine Entlastung an, die aber nicht daher rührt, dass Anleger die Firmen plötzlich höher bewerten. Sie hängt vielmehr mit gedämpfteren Erwartungen an die künftigen Erträge zusammen, kommt also von der Einnahmeseite her. Das ist noch laufende Arbeit, aber die Richtung ist klar: Öffentliche Transparenz bringt einen echten Mehrwert, den interne Kontrollen und eine rein vertrauliche Aufsicht allein nicht liefern.
Der Nutzen ist ganz konkret: Meine Forschungsprojekte habe ich als echte Fallstudien für die Lehre aufbereitet, sie flossen schon im Sommersemester 2026 in die Module Business Analytics und ESG Accounting ein. Die Studierenden arbeiten dort mit realen Forschungsfragen und echten Daten statt mit Lehrbuchbeispielen. Für die Fakultät sind außerdem die Methoden interessant, die sich über das Versicherungsthema hinaus übertragen lassen, und die neuen internationalen Kontakte eröffnen Möglichkeiten für Gastvorträge und gemeinsame Projekte in den kommenden Semestern.