Agieren in disruptiven Zeiten - Fokus Unternehmen und Berufstätige - Interview mit Prof. Dr. Svenja Tams

Wie können Unternehmen und Berufstätige gut in disruptiven Zeiten agieren? Und wo kann Lehre an Hochschulen ansetzen?

 

"Meine Rolle als Professorin ist, Studierende zu ermutigen, außerhalb der Box zu denken"

 

Die HSB Themenreihe  Who cares? - Zukunftsperspektiven in einer instabilen Welt möchte Denkanstöße geben, wie sich ein gutes Leben und eine bessere Welt gestalten lassen. In den Who cares Interviews befragen wir Expertinnen und Experten der Hochschule Bremen und verwandter Einrichtungen.

Unser zweiter Interviewgast ist  Prof. Dr. Svenja Tams,  Professorin für Organisation und Projektmanagement an der Hochschule Bremen.

Die Welt ist im Umbruch, Krisen, Verunsicherung und immer neue Anforderungen. Wie können wir darauf reagieren?

Ja,  die Umbrüche, die wir erleben, stellen uns im Management vor die Frage: Wie gehen eigentlich Menschen mit Führungsverantwortung und Berufstätige generell damit um? Durch Managementforschung sehen wir, dass es nicht nur eine Antwort auf diese Frage gibt, denn wir alle konstruieren die Welt, die Krisen, und unser Handeln in Bezug auf diese Krisen unterschiedlich.

Was können Unternehmen in diesen Zeiten tun? Stichwort Responsible Management

Unternehmen sind kollektive Einheiten, die oft wirtschaftliche Ziele priorisieren. Responsible Management wird aber umgesetzt von den Menschen in Unternehmen. Responsible Management bedeutet, vereinfacht gesagt, dass Akteure Themen wie Nachhaltigkeit, Ethik, soziale Verantwortung und soziale Gerechtigkeit ins unternehmerische Handeln miteinbeziehen.

In meiner Forschung sehe ich, dass Responsible Management nicht nur ideel werteorientiert ist, sondern dass verantwortlich handelnde Akteure systemischer agieren. Sie richten das Handeln von Unternehmen nicht mehr nur organisationszentriert aus, sondern unter Berücksichtigung von  Wechselwirkungen mit anderen Faktoren und Treibern im größeren Umfeld des Unternehmens.

Aktuell zeigen uns beispielsweise die Abhängigkeit von Energie- und Rohstoffmärkten, dass Handeln in Unternehmen in ganz komplexe Zusammenhängen eingebettet ist, die wir auch nie ganz verstehen können. Wenn wir Strategien entwickeln, können wir nicht im Vorfeld alle Probleme analysiert haben und dann Handlungen ableiten, was klassischerweise in der Business School so gelehrt wurde. Sondern wir müssen handeln und ständig darauf reagieren, was passiert da gerade? Wir können antizipieren und lernen, über die Grenzen der Organisation hinaus zu denken und uns als Teil von systemischen Wechselwirkungen zu verstehen.

Das hört sich ganz schön kompliziert an. Welche Kompetenzen brauchen dann Einzelne im Unternehmen?

Ja, es stellt das konventionelle Denken in Frage. Viele klassische Ansätze haben diese Komplexitäten nicht miteinkalkuliert.

Mit meinen Studierenden versuchen wir zu klären, was sind die Interessen verschiedener Akteure in einem weiteren Organisationsfeld, nicht nur innerhalb der Organisation.

Zum systemischen Handeln gehört Offenheit. Auch paradoxales Denken. Also nicht nur linear – ich tue was, dann Konsequenz, dann Fehlerkorrektur. Es ist hilfreich zu verstehen, dass Handeln oft paradoxe Widersprüche beinhaltet. Dazu zählt, dass ich über Rückkoppelungen und verschiedene Interessen nachdenke. Die Natur, die Ökologie, meldet sich jetzt durch Klimawandel, sitzt aber nicht unbedingt mit am Tisch, hat keine Interessensvertretung. Hierbei ist wichtig, dass wir uns öffnen, bereit zum Dialog, da es immer verschiedene Ansätze für nachhaltige Transformation gibt. Wir müssen pluralistischer sein.

Das sind schon hohe Anforderungen an Führung und Zusammenarbeit in Unternehmen und mit unseren Partnern.

Wie kann man das als Professorin im Unterricht integrieren? Und neue Ansätze wagen?

Das Fach Projektmanagement bietet die Möglichkeit, dass Studierende sich als Akteure erleben. Mein Ziel ist, den Raum dafür zu öffnen, mit Studierenden an Zukunftsthemen, wie Nachhaltigkeit, Mobilität oder Wertewandel in der Arbeit zu arbeiten.

Dabei ist meine Rolle als Professorin, Studierende zu ermutigen, außerhalb der Box zu denken. Ich lade sie ein, ihre Projekte selber zu definieren. So können sie sich als Akteure erleben, die an den Umständen der Welt etwas machen. Dieses Semester hatten wir Glück mit zwei Partnern in Bremen, zum Beispiel den Bremer Philharmonikern. Die veranstalten im Juni ein Klimawochenende im Tabakquartier und sind dankbar, dass unsere Studierenden ihnen helfen, dieses Projekt umzusetzen.

Spannend! Und wenn ich bereits arbeite, wie kann ich da ansetzen?

Als Karriereforscher:innen schauen wir darauf, wie Menschen ihren Berufsweg konstruieren. Im Englischen spricht man von meaning making oder job crafting –  wie gestalte ich meine Rolle. Wir sahen bei Leuten mit einer „Responsible Career“,  dass sie die soziale Verantwortung und nachhaltige Ausrichtung von Unternehmen in ihren beruflichen Netzwerken vorwärts trieben, selbst wenn ihre offizielle Rolle oder ihr Arbeitgeber diesen Themen noch keine Aufmerksamkeit schenkte.

In meiner Forschung vor 10/ 15 Jahren stieß ich auf oft hochausgebildete Leute, die versuchten, in ihren Organisationen Veränderungen anzustoßen. In den 90ern haben Organisationsforscherinnen diese Change Agents auch Tempered Radicals oder Employee Activitists genannt, weil sie sich, damals oft noch etwas verdeckt, für Diversität oder Nachhaltigkeit einsetzten. Heute gibt es ein breiteres Bewusstsein für diese Themen.

Das kann auch Widerstände auslösen. Wie gehe ich damit um?

Ja, eine Responsible Career ist politisches Handeln, die nicht unbedingt auf Linie der Firma ist.  Das werden nicht alle Menschen machen. Wir brauchen aber diese Eigeninitiative, denn es gibt nicht die eine fertige Lösung der Nachhaltigkeit. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, in Feldern zu agieren, in denen  verschiedene Akteure aktiv sind, die nachhaltigkeitsorientierte Lösungen auf unsere großen gesellschaftlichen Herausforderungen erarbeiten und auch immer wieder kritisch beleuchten und verbessern.

Wichtig dabei ist, Klarheit über seine eigenen Werte zu haben. Netzwerke von Gleichgesinnten – in Industrie oder beruflichem Arbeitsfeld - spielen dabei eine wichtige Rolle. Damit stärken Menschen die Identität, für die sie stehen. Diese Menschen haben ihre verantwortliche Karriere auch oft als hybride Karriere beschrieben. Auf der einen Seite wollen sie innerhalb der Institutionen und der Wirtschaft sein und dort etwas bewegen. Auf der anderen Seite sind sie außerhalb der Arbeit oft noch radikaler. Aber sie experimentieren, wie kommunizieren wir über Nachhaltigkeit, wie können wir neue Ansätze anstoßen.

Klingt sehr dynamisch!

Absolut. Ein ständiges reflektierendes Lernen, wie kann ich Initiativen ergreifen, die sich in meinem Unternehmen mal bieten? Ein Beispiel: Eine Alumna der Hochschule Bremen hat sich für das Thema Nachhaltigkeit interessiert. Als das Thema dann in ihrem Unternehmen aufkam, signalisierte sie Interesse und bekam die Rolle. Im ersten Jahr musste sie die Strukturen für dieses neue Arbeitsfeld der Organisation erarbeiten und dafür sehr viel lernen. Wichtig sind Eigeninitiative, netzwerken und die Bereitschaft, Möglichkeiten zu ergreifen, die sich bieten.

Was wären Ihre Hands-on Tipps für das neue Jahr? Was wäre ein erster Schritt?

Erstmal sich selber die Frage stellen, möchte ich etwas machen? Dann, die Augen öffnen, wo es Möglichkeiten gibt. Umschauen, gibt es Newsletter, Netzwerke, wo ich Impulse bekomme? Gibt es in meinem Unternehmen Führungskräfte, die offen sind für Nachhaltigkeit? Wie komme ich dazu ins Gespräch mit Kolleg:innen? Was machen wir zu diesem Thema in dieser Firma? Anfangen, weniger frustriert zu sein und einfach mal anzusprechen mit anderen und dann schauen, was wir tun können.

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Interviewerin: Dr. Monika Blaschke, Leitung Career Service und Team Who cares