Die Hochschule Bremen (HSB) lebt von den Menschen, die hier studieren, arbeiten und sie als Gäste bereichern. In unserer Rubrik „Drei Fragen an…“ stellen wir einige dieser Menschen vor – mit ihren Perspektiven, Projekten und Visionen. HSB-Projektmitarbeiterin Ina Tinis ist einen Großteil ihrer Arbeitszeit im Pflegeheim St. Franziskus in Bremen-Schwachhausen tätig. Was das mit Wissenschaft zu tun hat, erläutert sie im Interview.
Ina Tinis: Diesen Raum haben wir im Rahmen der Initiative TCALL eingerichtet. Die Abkürzung steht für „Transfercluster Akademischer Lehrpflegeeinrichtungen in der Langzeitpflege“. Es ist ein neunjähriges Vorhaben der Universität und Hochschule Bremen mit dem Zentrum für Pflegeforschung und Beratung (ZePB). TCALL ist in Bremen angesiedelt und hat zum Ziel, eine enge Kooperation mit Langzeitpflegeeinrichtungen zu etablieren. Gemeinsam sollen Entwicklungsbedarfe erfasst, Innovationen ausgewählt, eingeführt und evaluiert werden.
Der Raum, in dem wir uns befinden, ist ein Rückzugsraum für alle Mitarbeitenden der Pflegeinrichtung – quasi eine Lerninsel. Hier können die Mitarbeitenden ihr Wissen reflektieren und ausbauen. Sie haben einen festen Ort, an dem sie ungestört arbeiten oder sich aktuelles Fachwissen aneignen können. Bald bekommen wir Simulationspuppen. Damit können wir auch kleine Weiterbildungen an dem Pflegebett durchführen.
So ein Konzept ist neu in der Altenpflege. Im Allgemeinen gibt es nur akademische Lehrkliniken, in denen extern Weiterbildung erfolgt. Wir etablieren also eine neue Lernkultur bei den Mitarbeitenden direkt an ihrem Arbeitsplatz.
Ina Tinis: In Bremen haben wir drei Modelleinrichtungen: hier im Caritas-Haus St. Franziskus, im Johanniterhaus Bremen und im Haus St. Elisabeth. Dort arbeitet jeweils eine TCALL-Projektmitarbeitende der HSB. Wir nennen uns TIAS – Transformations- und Innovationsangent:innen. Vor Ort nehmen wir an den Teamsitzungen der jeweiligen Pflegeeinrichtung teil und sprechen mit den Kolleg:innen. So können wir den Alltag mitbekommen und Probleme identifizieren. Mit weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitenden der HSB und Universität Bremen werden Lösungsansätze erarbeitet und evaluiert. Dabei sind wir die Brücke zwischen der Forschung und der Praxis. Und wenn die Lösungskonzepte sich in der Praxis bewähren, sollen sie auf andere Pflegeeinrichtungen übertragen werden – perspektivisch bundesweit.
Ein Beispiel ist das herausfordernde Verhalten bei Menschen mit Demenz. Das Thema kam in einer Teambesprechung auf. Im Rahmen von TCALL machen wir Fallbesprechungen und entwickeln eine Kurzfortbildungsreihe zu diesem Thema. Beides gibt es natürlich schon, aber durch TCALL ist es nun intensiver. Wir bieten auch kurze Lernimpulse an: kleine Podcasts oder Videos zum Beispiel., die wir am Skills- und Simulationszentrum der HSB am City Campus am Brill produzieren können. Wir sind dort ja sehr gut ausgestattet.
Ein weiteres Beispiel ist eine sprachgesteuerte App, die wir gerade im Arbeitsalltag der Mitarbeitenden einführen. Sie soll sie dabei unterstützen, alltägliche Aufgaben einfacher zu bewältigen, wie zum Beispiel die regelmäßige Dokumentation während ihrer Arbeit mit den Bewohner:innen.
TCALL (Transfercluster Akademischer Lehrpflegeeinrichtungen in der Langzeitpflege) wird im Rahmen der T!RAUM-Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) durchgeführt. Projektpartner:innen sind die Hochschule Bremen das Zentrum für Pflegeforschung und Beratung, das Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen und das Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI, ebenfalls Universität Bremen). Die Projektleitung liegt bei der Universität Bremen.
TCALL umfasst verschiedene Teilprojekte, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Digitalisierung, der lernenden Infrastruktur und der Personalentwicklung in der Langzeitpflege beschäftigen. Dazu gehören zum Beispiel die Entwicklung von digitalen Lernumgebungen und die Qualifizierung von Transformations- und Innovationsagenten (TIAs).
Das Projekt ist auf neun Jahre angelegt und wird mit insgesamt 16 Millionen Euro gefördert.
TCALL-Projektmitarbeiterin Ina Tinis auf dem Pflegebett im neuen Lernraum für Mitarbeitende des Pflegeheims St. Franziskus. Hier sind auch Weiterbildungen mit Simulationspuppen geplant.
© HSB - Meike Mossig