
Am Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide (KBR) wurde Anfang September 2025 die erste pflegegeleitete Station in Deutschland eröffnet. Die Erprobung dieser sogenannten Nurse-led Unit (NLU) erfolgt in wissenschaftlicher Kooperation mit der Hochschule Bremen (HSB). Jetzt ist dieses Projekt mit der Theodor-Fliedner-Medaille ausgezeichnet worden: Ein renommierter Preis, der alle zwei Jahre von der Kaiserswerther Diakonie für innovative Projekte in der Pflege vergeben wird.
Auf einer pflegegeleiteten Station werden Patientinnen und Patienten versorgt, die ihre akute Erkrankung überstanden haben, jedoch noch nicht entlassen und verlegt werden können und weiterhin spezialisierte Pflege benötigen. Die Station steht unter der ärztlich delegierten Verantwortung des Pflegedienstes. Interprofessionelle Fallbesprechungen, Pflegevisiten und eine telefonische Nachbetreuung stellen die individuelle Versorgung der Patientinnen und Patienten dabei in den Mittelpunkt.
„Auf internationaler Ebene sind pflegegeleitete Stationen bereits in vielen Ländern etabliert. In Deutschland ist das Modell hingegen noch neu und muss sich gegenüber anfänglicher Skepsis erst noch bewähren. Hierzu wollen wir mit unserem Projekt einen Beitrag leisten“, erläutert Projektkoordinatorin und Preisträgerin Dr. Kathrin Seibert. Die Wissenschaftlerin ist über das HSB-Projekt „BestPROfessur“ bei Prof. Dr. Henrikje Stanze zu 50 Prozent an der Hochschule Bremen und zu 50 Prozent im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide tätig. Diesen Mut hat die Jury der Kaiserswerther Diakonie nun mit dem ersten Preis belohnt: „Aufgrund der strategischen Relevanz, der methodischen Strenge und des potenziellen Skalierungseffekts verdient dieses Vorhaben den ersten Platz der Theodor-Fliedner-Medaille 2026“, so die Jury in ihrer Begründung zur Preisverleihung. Die Feier zur Verleihung der Auszeichnung wird im Rahmen der 6. Fachtagung Pflegegeschichte in Kaiserswerth am 3. November 2026 stattfinden.
Pflegegeleitete Stationen bieten aus mehreren Perspektiven wichtige Vorteile. Patientinnen und Patienten profitieren von dem Fokus auf der spezialisierten Pflege, die auch durch einen besonderen Qualifikationsmix der eingesetzten Fachkräfte gewährleistet wird. Dazu zählen examinierte Pflegefachpersonen mit und ohne Hochschulqualifikation sowie Pflegeassistenzkräfte. Darüber hinaus können pflegegeleitete Stationen einen spürbaren Beitrag zur Entlastung von Akutstationen leisten. Patientinnen und Patienten mit vorrangigem Bedarf an pflegerischer Versorgung können auf die NLU aufgenommen werden. Somit werden Betten frei für die Patientinnen und Patienten, für die eine ärztliche Akutversorgung unabdingbar ist. Außerdem trägt das neue Modell zur Kompetenzerweiterung von Pflegefachpersonen bei und bietet sich als neues Handlungsfeld für die Integration von Pflegefachpersonen mit hochschulischer Qualifikation in der direkten Patientenversorgung an.
Für das KBR hat das Projekt auch eine strategische Bedeutung. „Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels müssen wir uns fragen, wie wir mit neuen Konzepten unser Versorgungsangebot qualitativ weiterentwickeln und gleichzeitig Kapazitäten für eine stetig steigende Nachfrage an unserem Standort schaffen können“, so Dr. Witiko Nickel, Pflegerischer Geschäftsführer am KBR. „Darüber hinaus wollen wir aktiv etwas dafür tun, damit sich Handlungsspielräume und Kompetenzen für Pflegefachkräfte erweitern. Nur so kann es uns gelingen, für gut qualifizierte Fachkräfte langfristig ein attraktiver Arbeitgeber zu bleiben“, so Dr. Nickel weiter.
Mit der Theodor-Fliedner-Medaille werden innovative Projekte geehrt, die konkrete Lösungsansätze für die vielfältigen pflegerischen Versorgungsherausforderungen und -bedarfe von Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Klientinnen und Klienten von Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen entwickeln. Die Projektidee und die Umsetzung können aus allen Versorgungssektoren und -settings stammen – egal ob stationär oder ambulant oder aus dem Bereich der Kranken- oder Altenpflege. Dabei zielen die eingereichten Projekte auf die Verbesserung und die Veränderung der Pflegepraxis in der direkten Patientenversorgung ab und führen im Ergebnis zu einer qualitativ hochwertigen und individuell bedarfsgerechten und sicheren Pflege. Zudem sind die Konzepte wissenschaftlich fundiert und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.
Die Kaiserswerther Diakonie zählt zu den großen diakonischen Unternehmen in Deutschland. Seit über 180 Jahren stellt sich das von Theodor Fliedner und seiner Frau Friederike Fliedner gegründete Werk den Herausforderungen im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen. Professionelle Pflege nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Dieser Tradition folgend verleiht die Kaiserswerther Diakonie seit 2020 alle zwei Jahre die „Theodor-Fliedner-Medaille für innovative Pflegepraxis“.
Die HSB war deutschlandweit eine der ersten Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, die Studium und Forschung im Pflege-, Hebammen- und Therapiebereich angeboten hat. Die Pflege- und Gesundheitsstudiengänge sind seit 2020 mitten in der Bremer Innenstadt untergebracht: im Campus Am Brill. Herzstück des Standortes ist ein ca. 4.000 Quadratmeter großes, hochmodernes Skills- und Simulationszentrum.
Die Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide gGmbH ist ein modernes Akutkrankenhaus in kommunaler Trägerschaft der Seestadt Bremerhaven. Als Maximalversorger mit rund 2.500 Mitarbeitenden, 833 Betten, 16 Kliniken, zwei Instituten und einem medizinischen Versorgungszentrum sind wir das größte Krankenhaus der Unterweserregion. Gesundheit braucht Zukunft, deshalb sind wir einer der größten Ausbildungsbetriebe in Bremerhaven, akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Göttingen sowie Kooperations- und Praxispartner für zahlreiche weitere Studiengänge aus Medizin und Pflege.
Freuen sich über die besondere Auszeichnung (von links): Rebecca Goretzki (Pflegerische Leitung der NLU), Dr. Kathrin Seibert (Projektkoordinatorin und Preisträgerin, KBR und HSB), Luisa Hütten (Pflegemanagement) und Dr. Witiko Nickel (Pflegerischer Geschäftsführer).
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