Wie lassen sich europäische Flachs- und Hanffasern erfolgreich in industriellen Verbundwerkstoffen einsetzen? Der neue, frei verfügbare „Process Guide: An entry gate to European Flax-Linen & Hemp Composites Manufacturing“ bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Professor Dr.-Ing. Jörg Müssig von der Hochschule Bremen (HSB) als Mitglied des European Scientific Council der Alliance for European Flax-Linen & Hemp maßgeblich beteiligt.
Der Process Guide richtet sich insbesondere an Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die Flachs- und Hanffasern erstmals in Verbundwerkstoffen einsetzen möchten. Gleichzeitig bietet er erfahrenen Anwender:innen eine kompakte Referenz, um typische Fehler zu vermeiden und bestehende Annahmen zur industriellen Verarbeitung von Naturfasern kritisch zu überprüfen.
„Für die industrielle Etablierung von Naturfaserverbundwerkstoffen reicht es nicht aus, nur hervorragende Fasereigenschaften zu kennen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Faser, Matrix und Verarbeitungsprozess. Mit dem Process Guide wollen wir wissenschaftlich fundiertes Wissen so aufbereiten, dass Unternehmen einen möglichst direkten Einstieg in die Verarbeitung von Flachs und Hanf finden“, sagt Professor Dr. Jörg Müssig von der Arbeitsgruppe Biologische Werkstoffe am Bionik-Innovations-Centrum der HSB.
Entwickelt wurde der Leitfaden gemeinsam vom European Scientific Council, der Alliance for European Flax-Linen & Hemp sowie von Partnern der Alliance. Eingeflossen sind Wissen und Erfahrungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Pflanzenanbau und der Fasergewinnung über die Herstellung textiler Halbzeuge bis zur industriellen Verarbeitung von Verbundwerkstoffen. Der European Scientific Council bringt seit 2009 international ausgewiesene Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen und verbindet Grundlagenforschung mit industrieller Entwicklung.
Der erste Teil des Guides widmet sich insbesondere den Prozessfenstern bei der Herstellung von Flachs- und Hanffaserverbundwerkstoffen. Behandelt werden unter anderem die Einflüsse von Temperatur und Verarbeitungszeit, Feuchtigkeit, Druck und Kompaktierung sowie von Lagerung, Zuschnitt und Oberflächenbearbeitung. Gerade bei pflanzlichen Fasern beeinflussen diese Parameter die späteren Bauteileigenschaften maßgeblich und müssen aufeinander abgestimmt werden.
„Dass die Alliance diesen Wissensschatz kostenfrei zur Verfügung stellt und der Guide auf so großes Interesse stößt, freut mich besonders. Wissenstransfer ist ein wesentlicher Schlüssel, um Naturfasern aus der wissenschaftlichen Forschung noch stärker in industrielle Anwendungen zu bringen“, so Müssig.
Dabei versteht sich der „Process Guide“ bewusst nicht als vollständiges wissenschaftliches Handbuch. Vielmehr soll er einen praxisorientierten Einstieg bieten, technische Zusammenhänge transparent machen und die Grenzen aktueller Verfahren aufzeigen. Damit passt die Initiative auch zum Forschungs- und Transferansatz der Arbeitsgruppe Biologische Werkstoffe an der Hochschule Bremen: Erkenntnisse über pflanzliche Fasern und biobasierte Werkstoffe sollen gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie in konkrete Anwendungen überführt werden.
Vom Flachstextil zum technischen Bauteil: Textiles Halbzeug aus ausgerichtetem Langflachs und ein daraus im Vakuuminfusionsverfahren hergestelltes Bauteil zeigen, wie Naturfasern mit modernen Fertigungsverfahren zu leistungsfähigen Verbundwerkstoffen verarbeitet werden können.
© Jörg Müssig
