
Im Forschungsprojekt SLW@HAW untersuchen Wissenschaftlerinnen der Hochschule Bremen (HSB), wie Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Deutschland, den Niederlanden und Schweden auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und geopolitische Herausforderungen reagieren. Dabei nehmen sie die Bereiche Studium, Lehre und Weiterbildung in den Fokus. Aus dem Forschungsprojekt hat sich eine Zusammenarbeit mit STARS EU-Partnerhochschulen entwickelt. Im Interview gibt Prof. Dr. Annika Maschwitz, Projektleiterin und Konrektorin für Studium, Lehre und Internationalisierung der HSB, Einblicke in das Projekt und wie sich daraus eine erfolgreiche Zusammenarbeit in der STARS EU-Allianz auf der Forschungsebene entwickelt hat.
Frau Maschwitz, warum haben Sie und Ihr Team sich für eine internationale Vergleichsstudie zwischen Deutschland, Schweden und den Niederlanden entschieden, was interessiert Sie daran?
Prof. Dr. Annika Maschwitz: Politische Entwicklungen, Arbeitsmarkt, demografische Entwicklungen und deren Bedeutung für die Studierendenzahlen beeinflussen Hochschulen im gesamteuropäischen Raum. Der Bologna Process Implementation Report zeigt zum Beispiel, dass rund dreiviertel der Länder in strategischen und steuernden hochschulpolitischen Dokumenten dem demografischen Wandel bereits Rechnung getragen haben: unter anderem auch Deutschland, Schweden und die Niederlande. Gemeinsam ist den drei Ländern zudem, dass sie bereits Maßnahmen implementiert haben, um den Hochschulzugang für bisher unterrepräsentierte Gruppen zu verbessern. Besonders interessant ist, dass Schweden insgesamt mit über 30 Prozent Studierenden, die älter als 30 Jahre sind, deutlich vor den Niederlanden und Deutschland liegt. Lebenslanges Lernen wird in diesen Ländern also trotz gemeinsamer europäischer Entwicklungen unterschiedlich gedacht und umgesetzt. Auch spielen politische und gesellschaftliche Änderungen gleichermaßen eine Rolle, die sich aber in unterschiedlicher Auseinandersetzung mit diesen Themen in hochschulischen Strategiepapieren zeigt.
Schweden und die Niederlande haben also spannende Ansätze in Studium und Lehre.
Richtig, und die Entwicklungen und Begründungen dahinter sind besonders interessant, um ggf. daraus auch Implikationen für die Entwicklungen an deutschen Hochschulen abzuleiten. Daher finden wir es spannend, ob es international unterschiedliche Strategien zu ähnlichen Herausforderungen von Seiten der HAW gibt. Hinzukommt, dass der Hochschultyp HAW, der in allen drei Ländern seit langem besteht, bisher wenig beforscht wurde - was den Hochschultyp und die Länder zu interessanten und relevanten Themen macht.
In welchen Bereichen unterscheiden sich die Hochschulsysteme in den drei Ländern voneinander?
Die jeweiligen Hochschulen haben gemeinsam, dass sie sich den angewandten Wissenschaften verschrieben haben. Zudem weisen sie unter anderem durch die Bologna Reform viele Gemeinsamkeiten in den Studienstrukturen auf – zum Beispiel Bachelor- und Masterstudiengänge. Es gibt aber auch zentrale Unterschiede.
Welche?
Anders als in Deutschland gibt es in den Niederlanden zum Beispiel eine Studienempfehlung für Studierende im Studienverlauf. Der sogenannte „Binding Study Advice“ erfolgt bis zum Ende des ersten Studienjahres. Wenn Studierende die erforderliche Höhe der Credits (z. B. 48, 52 oder 60 Credits) und bei Bedarf zusätzliche qualitative Forderungen erfüllt haben, wird eine positive Empfehlung ausgesprochen. Wenn sie die erforderlichen Erwartungen nicht erfüllen, erhalten sie eine negative Empfehlung. Bei einer negativen Empfehlung darf die Hochschule die Immatrikulation beenden. Diese Regelungen können sich aber ändern und sind nicht immer gleich.
Unser erster Eindruck ist auch, dass an den niederländischen HAWn die Arbeitsmarktorientierung deutlicher im Fokus steht als in Schweden, wo es eine starke Orientierung auf den studentischen Entwicklungsprozess zu geben scheint. Deutsche HAW bewegen sich unserer Einschätzung nach irgendwo dazwischen.
Diese Unterschiede werden auch am Beispiel des Lebenslangen Lernens deutlich, das in den drei Ländern auf verschiedene Weise im Bildungssystem integriert ist. Die niederländische Strategie zielt darauf ab, dass sich alle Menschen ständig beruflich weiterbilden, um den schnellen Veränderungen durch Digitalisierung und Umwelt besser begegnen zu können. Eine weitere Besonderheit in den Niederlanden ist zudem die staatliche Open University, an der alle Personen unabhängig von einem bestimmten Schulabschluss studieren können, das gibt es in Deutschland beispielsweise nicht in der Form. Diese Hochschule ist vollständig auf das akademische Fernstudium und die Online-Lehre ausgerichtet, dies ist ähnlich den Angeboten großer Fernuniversitäten in Deutschland. Die Möglichkeiten ein Studium aufzunehmen, sind auch in Schweden für sogenannte „nicht-traditionelle Studierende“ sehr viel offener. Lebenslanges Lernen wird als grundlegender integrativer Ansatz verstanden. Das heißt Studierende aus unterschiedlichen Lebensabschnitten sitzen häufiger in den gleichen Lehrveranstaltungen. Das sieht in Deutschland anders aus, da die Weiterbildung an Hochschulen aus vor allem beihilferechtlichen Gründen i. d. R. kostendeckend angeboten werden muss und grundsätzlich separat organisiert wird.
Auch in Bezug auf das Promotionsrecht an HAWn gibt es Unterschiede: In Schweden gibt es das eigenständige Promotionsrecht bereits in einigen Bereichen, in Deutschland wird es gerade eingeführt, während die Niederlande dieses Recht bisher nur das kooperative Promotionsrecht (zusammen mit Universitäten) haben. Allerdings führen die niederländischen Hochschulen seit 2023 ein Pilotprojekt für einen eigenständigen, praxisorientierten Doktorgrad (Professional Doctor) durch.
Wie reagieren die Hochschulen der untersuchten Länder auf die aktuellen Entwicklungen? Welche Themen stellen sie in den Vordergrund?
Wir haben uns verschiedene Strategiepapiere von Hochschulen in den drei Ländern angeschaut, die unterschiedlich gestaltet sind und zum Teil auch verschiedene Ziele verfolgen. Während zum Beispiel die schwedischen Dokumente oftmals weniger konkrete Maßnahmen beschreiben als die deutschen Hochschulentwicklungspläne bzw. -strukturpläne, konnten für die Niederlande solche Pläne berücksichtigt werden, die am ehesten den deutschen Hochschulentwicklungsplänen ähnelten. Dabei lag unser Fokus der Analyse stets auf der Gestaltung von Studium, Lehre und Weiterbildung. Wichtig ist zudem zu beachten, dass die Papiere auch immer retroperspektiv zu betrachten sind, da sie ja bereits zu einem früheren Zeitpunkt geschrieben wurden. So decken die untersuchten deutschen Hochschulentwicklungspläne zum Beispiel den Zeitraum von 2015 bis 2035 ab, wobei sich der überwiegende Teil der Pläne auf die Jahre 2022 bis 2026 konzentriert. Diese wurden also höchstwahrscheinlich um 2021/2022 geschrieben.
Trotz aller Unterschiede in der Ausgestaltung zeigen sich vergleichbare Themen, die von den Hochschulen als Handlungsfelder adressiert werden. Themen, die in allen drei Ländern thematisiert wurden, sind zum Beispiel Internationalisierung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder auch Lebenslanges Lernen.
Daneben gibt es aber auch länderspezifische Themen, die auf unterschiedliche Verständnisse in der Hochschulbildung hinweisen. Zum Beispiel wurde in den niederländischen Dokumenten das ‚well-being‘ der Studierenden besonders oft hervorgehoben, ebenso wie in Schweden die Rolle der Studierenden als Mitglieder der Gesellschaft thematisiert werden. Dies wird zwar auch in den deutschen Dokumenten sichtbar, aber weniger zentral hervorgehoben.
Schaut man sich insbesondere die Vorworte der deutschen Hochschulentwicklungspläne genauer an, zeigt sich, dass die HAWn am häufigsten die Themen Nachhaltigkeit und die Corona-Pandemie als zentrale Herausforderungen benennen, gefolgt von Diversität, dem demografischen Wandel und Digitalisierung. Daneben spielen auch organisatorische und strukturelle Themen eine große Rolle, etwa die Campus- und Personalausstattung sowie die eigene Finanzsituation. Mit Blick auf Studium und Lehre werden zudem häufig Interdisziplinarität, Internationalisierung und die konkrete Studiengangsentwicklung selbst thematisiert, während Wettbewerb um Studierende und die eigene Forschungsstärke als weitere wiederkehrende Bezugspunkte auftauchen.
Unsere ersten Analysen zeigen also, welche Themen für die Hochschulen im Fokus stehen. Weitere Einblicke, wie die Hochschulen in der Praxis diese Themen umsetzen und damit auch auf bestehende Herausforderungen reagieren, erhoffen wir uns aus den Interviews mit Hochschulleitungen aus allen drei Ländern, die wir derzeit durchführen.
Wie sieht die Zusammenarbeit im Rahmen des Forschungsprojekts mit STARS EU-Partner:innen aus?
Vielfältig: Im vergangenen Jahr haben zum Beispiel alle Projektpartner:innen aus STARS EU und SLW@HAW zur Konferenz nach Bremen an die HSB eingeladen: „Conference on Higher Education Research, focusing on Developments in Teaching & Learning“. Hier haben ausgewählte STARS EU-Partner:innen ihre Perspektiven und Forschungen aus den jeweiligen EU-Ländern vorgestellt.
Ebenfalls hat sich auf Basis der Interessen von SLW@HAW und weiteren Akteur:innen in STARS EU eine TIG (Thematic Interest Group) mit dem Titel „Education and Learning in and for a new Working Life (ELW)“ gegründet. Hier konzentrieren sich die Wissenschaftler:innen inhaltlich auf die Beziehung zwischen Bildung, Lernen und Arbeitsleben. Die TIG zielt darauf auf, Ansätze und Modelle zu erarbeiten, um zukünftige Studierende bzw. auch Weiterbildungsinteressierte mit relevantem Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen auszustatten, mit denen sie den Herausforderungen unserer Zeit begegnen.
Die Projektpartner:innen der University West (Trollhättan) in Schweden haben dieses Jahr zudem zur WIL-Konferenz (Work-Integrated-Learning) eingeladen, auf der meine Doktorandin Jessica Langolf und ich aktuelle Ergebnisse aus unserem Projekt vorstellen. Auch mit Kolleg:innen der Hanze University (Groningen) stehen wir im engen Austausch. Es ist toll, wie hier die Zusammenarbeit funktioniert und wie viel Unterstützung wir aus ihren wichtigen nationalen Perspektiven für unser Projektvorhaben erhalten.
Im Rahmen des Projekts promovieren Jessica Langolf und Greta Kottwitz im Feld der Hochschulforschung. In zwei Sätzen: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich?
Jessica Langolf: In meiner Dissertation untersuche ich den institutionellen Wandel von Hochschulen für angewandte Wissenschaften am Beispiel des erweiterten Promotionsrechts. Interessant finde ich, dass die Einführung des eigenständigen Promotionsrechts nicht nur Auswirkungen auf das deutsche Wissenschaftssystem hat, sondern auch auf das Selbstverständnis der HAW selbst. Sie entwickeln sich damit von langjährigen Lehrinstitutionen zu eigenständig forschenden Akteuren. Ich finde es spannend zu beobachten, wie die Hochschulen diese Transformation aktiv gestalten, und wie sie sich durch sie zugleich selbst verändern.
Greta Kottwitz: In den Strategieplänen von HAW werden häufig bestimmte Bilder von Studierenden gezeichnet, diese Bilder möchte ich im ersten Schritt erfassen. Doch wie werden diese eigentlich konstruiert? Um mich der Beantwortung der Frage anzunähern, interviewe ich in meiner Doktorarbeit die Personen, die in die Strategieentwicklung involviert sind, um herauszufinden, unter welchen Bedingungen sie diese Studierenden-Bilder entwerfen und wie diese sie wiederum beeinflussen.
Erfahren Sie mehr über das Projekt SLW@HAW

Prof. Dr. Annika Meike Maschwitz
Konrektorin für Studium, Lehre und Internationalisierung
+49 421 5905 4161
E-Mail
Das Team vom Projekt SLW@HSB (vordere Reihe von links): Jessica Langolf, Annika Maschwitz und Andrea Broens. Hintere Reihe (von links): Greta Kottwitz und Johanna Brauns
© Greta Kottwitz - Privat
