Fotowettbewerb 2008
Johann Koschorke - Thailand (Februar 2008 – Thailand, Nitan Khum, etwa 50km südwestlich von Umphang)
Kinder des Karen Bergvolkes im Nordwesten von Thailand an der burmesischen Grenze. Die meisten Karen leben in Birma, sind dort allerdings seit Jahrzehnten Menschenrechtsverletzungen durch die herrschende Militärdiktatur ausgesetzt, etwa Zwangsräumung von Dörfern, Vergewaltigungen und Einsatz der Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit. Manche Beobachter sprechen von „ethnischer Säuberung“ gegenüber den Karen. Deshalb fliehen viele nach Thailand. An der Grenze zwischen Thailand und Birma (besonders bei Mae Sot und nördlich davon) gibt es mehrere große Flüchtlingslagern und auch eine große Anhäufung von Menschenrechtsorganisationen. Auf dem Foto sehen wir Kinder, die von Karen abstammen, welche nicht zu den Flüchtlingslagern geflüchtet, sondern zu relativ unbesiedelten Gebieten südlich von Umphang migriert sind. Nitan Khum ist von Thailand aus, obwohl es in Thailand liegt, nur über einen langen Fußmarsch zu erreichen. Der einzige befahrbare Weg führt nach Birma.
Zwei Monate später wurde ein großer Teil von vor allem Birma, aber auch Thailand, von dem Zyklon Nargis betroffen. Glücklicherweise blieben Hochwässer, wie es die in Birma gab, aus. Dennoch gibt es Berichte von heftigen Niederschlägen und hunderten Obdachlosen in der Provinz.
An diesem Tag wurden mir die in der Welt existierenden Kulturunterschiede auf eine eindrucksvolle greifbare Weise vor Augen geführt. Um diese Erfahrung zu teilen, habe ich dieses Foto ausgewählt. Die auf der Aufnahme abgebildete Frau berichtete ein paar wertvolle Stunden lang von der Lebensweise ihres Stammes. Als Schutz gegen Sonne sowie Insekten reiben sich Himba-Frauen mehrmals täglich mit einer Paste aus Butterfett und gemahlenem, roten Steinstaub ein. Für die dadurch entstehende zarte, rötlich gefärbte Haut sind die Himbas sehr bekannt. Auch die Haare sind mit einer lehmigen rötlichen Masse versehen. Daher dürfen sich Himba-Frauen nicht mit Wasser waschen. Der Betrachter des Fotos erkennt bei genauem Hinsehen den Vorgang des traditionellen Waschens – das Säubern von Haut und Haaren durch Rauch; Kleidung und Schmuck wird in der Asche des Feuers „gewaschen“. Beeindruckenderweise ist die Frau auf dem Foto mit Sicherheit zeit ihres Lebens rot gefärbt und hat sich daher erst zwei Mal im Leben gewaschen. Einmal bei ihrer Geburt und das zweite Mal vor der Hochzeit, da sie verheiratet ist, wie der Kopfschmuck ausweist. Das dritte Mal wird gewaschen, wenn sie verstorben ist. Das kostbare Wasser in diesem Teil der Erde ist eben nur zum Trinken da.
Hier saßen wir Touristen nun, in einer kleinen, aus Ästen gebauten und mit einem Dach aus Lehm und Kuhdung versehenen Hütte. Ich fühlte mich in eine europäische Urzeit zurückversetzt – das afrikanische Jetzt. Inmitten eines Aufeinanderprallens von zwei extrem gegensätzlichen Welten. Dies wird besonders schön durch den deutschen Touristen im linken Bildrand dargestellt, der, seinen Fotoapparat zum Festhalten der Eindrücke umklammernd, westliche Werte und Normen symbolisiert. Streitfragen kamen mir in den Sinn, inwieweit der Tourismus in solch traditionellen Kulturen einen Nutzen oder aber einen Verfall der Traditionen einleitet. Doch der in die Hütte eindringende Sonnenstrahl blendet mich mit der Mystik dieser mir bisher unbekannten Kultur, so dass bedrückende Gedanken schnell wieder verfliegen.
Heute ist der Stamm der Himbas nicht nur von der Westernisierung, sondern auch von einem in der Gegend geplantem Dammbau bedroht, welcher den Lebensraum dieses einzigartigen Völkchens maßgeblich zerstören würde. Ich habe die Himbas als freundliche und friedliche Menschen kennen gelernt und hoffe, dass sie unter diesen Umständen in der Welt eine Zukunft haben. Wer weiß, wie lange diese einzigartigen „AußenEinsichten“ noch gewahrt werden können!
Das Nowa Prowincja ist ein Café in der malerischen Altstadt Krakaus. Es liegt keine 20 meter abseits des zentralen Marktplatzes, mitten im Univiertel, in dem vor allem Institute der Jagiellonien-Universität, Copyshops, Buchläden und eben dutzende Cafés zu finden sind. In diese strömen etwa alle eineinhalb Stunden, wenn ein Vorlesungsblock zu Ende geht, die Studenten. Im Nowa Prowincja sitzen sie dann, über Bücher gebeugt oder mit einer Zeitung, oder einfach so den Kaffee und die Atmosphäre genießend. Beides ist nämlich einmalig: Der Espresso kommt aus einer alten italienischen Maschine, die so viel Lärm und Dampf produziert, dass man glauben möchte, dass sie einst Herzstück eines Diesellasters war. Das Ambiente balanciert perfekt zwischen Improvisation und Stil: Man wird hier beispielsweise keinen Tisch oder Stuhl zweimal finden, alle Einrichtungsgegenstände wurden in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen. Dabei wirkt es keinesfalls ärmlich, vielmehr sieht man dem Café die Hingabe an, mit der es von den Besitzern aufgebaut wurde.
Wirkliches Herzstück des Cafés ist aber die Bank, die auf dem Foto zu sehen ist. Im Laufe des Tages finden sich hier Studenten, Touristen, Rentner, Angestellte und so weiter in wechselnder Besetzung wieder. Man guckt dem Nachbarn in die Zeitung, oder beugt sich gemeinsam über ein Schachbrett, nicht selten finden Diskussionen über vier Tische hinweg zwischen wildfremden Menschen statt. Man tauscht Meinungen über Gott und die Welt aus, schimpft über die Politik der Kaczynskis oder erzählt sich doppelbödige politische Witze, von denen es so viele auf Polnisch gibt.
Anders als die mit zehntausenden Euro gestylten Cafés großer Ketten, die rund um den Globus gleich aussehen, besticht das Nowa Prowincja sowohl durch seinen eigenen individuellen Charme als auch durch den seines Klientels. Trotzdem wirkt es nicht etwa traditionalistisch und verstaubt, sondern im Gegenteil jung und kreativ. Das Café vereinigt damit in meinen Augen die besten Eigenschaften, die die Stadt Krakau hat, auf sich.

