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Die Spinnen im Überblick - Spinnenarten und Lebensweise

Von Yibing Wang
Einleitung
Spinnen sind Tiere der Ordnung der Webspinnen (Araneae). Im allgemeinen Sprachgebrauch, wissenschaftlich nicht korrekt, werden manchmal auch andere Ordnungen der Klasse der Spinnentiere mit spinnenähnlichem Aussehen als Spinnen bezeichnet. Hier diskutieren wir nur über die Webspinnen.

Die Webspinnen (Araneae) sind die bekannteste Ordnung der Spinnentiere (Arachnida), einer Klasse der Gliederfüßer (Arthropoda). Bis einschließlich Dezember 2011 wurden 42.751 Arten in 110 Familien beschrieben. (Quelle: URL-Links 3) Sie teilen sich weiter in Gliederspinnen (Mesothelae), Vogelspinnenartige (Mygalomorphae) und Echte Webspinnen (Araneomorphae) auf. Die Webspinnen bilden damit nach den Milben (Acari) die artenreichste Ordnung der Spinnentiere. Spinnen sind eine wichtige Tiergruppe. Sie kommen in allen terrestrischen Ökosystemen arten- und individuenreich vor, tragen wesentlich zur Biodiversität bei und üben als räuberische Organismen eine wichtige regulatorische Funktion aus. Spinnen sind daher eine wichtige Indikatorgruppe für die Qualität eines Lebensraumes. In sehr speziellen Lebensräumen trifft man auf eine zwar artenarme, dafür aber sehr konstante Artenzusammensetzung. Ein solcher Lebensraumtyp sind etwa Binnendünen, offene Lockersandflächen entlang der großen Stromtäler. Die sehr seltene Springspinne Yllenus arenarius schließlich kommt in Mitteleuropa nur auf nord- und ostdeutschen Binnendünen vor. Ebenfalls ein sehr spezieller Lebensraumtyp sind naturbelassene Kiesbänke an den Ufern der Alpenflüsse. Hier ist die Wolfspinne Arctosa cinerea die eindrucksvollste Spinnenart. Zahlreiche Spinnen leben nur in der unmittelbaren Umgebung von Gewässern, eine Art, die Wasserspinne (Argyroneta aquatica) sogar in Gewässern. Sie benötigt sauerstoff- und pflanzenreiche, flache Stillgewässer und ist daher vor allem in Moorgebieten zu finden. Sehr viel schwieriger als die im vorangegangenen Abschnitt vorgestellten, etwas ausgefallenen Lebensräume sind die gängigen mitteleuropäischen Lebensraumtypen hinsichtlich
ihrer typischen Spinnenfauna zu charakterisieren. Ein Laubwald beispielsweise beherbergt in seinen verschiedenen Teilbereichen - z.B. in der Streuschicht, an den Stämmen, unter der Rinde abgestorbener Bäume und in der Kronenregion – eine so artenreiche Spinnengesellschaft, dass es schwerfällt, besonders kennzeichnende Vertreter herauszugreifen.
Spinnenarten
Die weltweit mehr als 42.000 Arten der Webspinnen werden aktuell in 110 Familien aufgeteilt. In Mitteleuropa sind 43 Familien der echten Webspinnen und eine Familie der Vogelspinnenartigen, nämlich 3 Arten der Tapezierspinnen (Atypidae), heimisch.

Anzahl der Webspinnen in Mitteleuropa (Daten von Dez. 2004, Quelle: URL 5)
Die systematische Einteilung erfolgt unter anderem aufgrund der Form und Größe der Spinndrüsen, der Anordnung der Augen, dem Bau der Cheliceren und der Pedipalpen sowie dem Vorhandensein eines Cribellum; in neuere Zeit aber immer häufiger aufgrund genetischer Analysen.

Die Echten Webspinnen (Araneomorphae) bilden die artenreichste Unterordnung von Spinnentieren aus der Ordnung der Webspinnen. Eine ältere Bezeichnung für die Araneomorphae ist „Labidognatha“ - als Unterscheidung zu „Orthognatha“ (heute: Vogelspinnenartige, Mygalomorphae).

Systematik der Echten Webspinnen:
1.Die Überfamilie der Radnetzspinnen
Die Angehörigen der größten Gruppe der echten Webspinnen, die Überfamilie der Radnetzspinnen (Araneoidae), produzieren mit drei spezialisierten Spinndrüsen (Triade) einen elastischen Leimfaden. Ihr gehören 11 Familien an.
2. Die Überfamilie der Lycosoidea (Jagdspinnen)
Die Überfamilie Lycosoidea umfasst Jagd- und Raubspinnen mit drei Tarsalklauen (vgl.: Dionycha). Zu ihr gehören etwa 3200 Arten. Die größten Familien stellen die Wolfspinnen (Lycosidae) mit rund 2300 Arten, die Luchsspinnen (Oxiopidae) mit etwa 400 Arten und die Raubspinnen (Pisauridae) mit rund 300 Arten.
3. Die Gruppe der Dionycha (Zwei-Klauen-Spinnen)
Anstelle der Mittelklaue der vorgenannten Arten treten bei den Dionycha (Zwei-Klauen-Spinnen) feinste Härchen (Setae), die sich spatelförmig aufteilen. Auf diesen Härchen sitzen Cuticulafortsätze, die Scopula, die mit einem Feuchtigkeitsfilm überzogen sind und wie beim Gecko Adhäsionskräfte erzeugen.

Abbildung 1. Winkelspinne in Österreich (30.09.2010, Hallstatt) (Foto: Yibing Wang)
Eine interesante Spinne heißt Theridion grallator. Die ist eine Webspinnen-Art, die ausschließlich auf Hawaii vorkommt. Ihr Unterleib ist hellgelb und etwas durchsichtig. Je nach aufgenommener Nahrung kann eine rote, schwarze und weiße Färbung eintreten. Das entstehende Muster weist Ähnlichkeit mit einem lachenden Gesicht auf. Daher lautet der englische Trivialname auch „happy face spider“. Dieser Polymorphismus könnte der Anwendbarkeit von Beuteschemen ihrer Jäger entgegenwirken. Die Weibchen leben als Einzelgänger unter Blättern im Wald. Sie verteidigen einen einzelnen Eiballen aggressiv und betreuen die Brut noch eine Weile nach dem Schlüpfen. Dabei kann es vorkommen, dass einige Jungtiere in die Brut von Ziehmüttern aufgenommen werden.

Vogelspinnenartige (Mygalomorphae) sind eine Unterordnung von Spinnentieren aus der Ordnung der Webspinnen. Eine ältere Bezeichnung ist Orthognatha. Umgangssprachlich werden manchmal alle Vertreter der Unterordnung als Vogelspinnen bezeichnet, was aber zu Verwechslungen mit der systematischen Familie führt. Es gibt 15 Familien mit 2573 Arten. Die Tiere sind groß und leben vorwiegend in warmen Klimaten. Merkmale der Vogelspinnenartige:

Die Mundwerkzeuge (Cheliceren) arbeiten fast parallel zu einander (orthognath), nicht zanganartig gegeneinander (labidognath). Die Augen liegen meist nahe bei einander auf einem flachen Hügel auf der Rückenpanzerung (Carapax). Die Hüften der Pedipalpen (in Fühler umgewandeltes Beinpaar der Spinnen) ähneln außer bei den Atypidae stark den Hüften der Beine. Sie haben meist zwei Paar Fächertracheen und vier, seltener drei Ostienpaare sowie zwei Paar Coxaldrüsen.

Die Familie der Tapezierspinnen (Atypidae) besteht aus 43 Arten in drei Gattungen. In Mitteleuropa sind nur drei Arten der Familie, Gattung Atypus, heimisch. Sie sind zugleich die einzigen Vertreter der Vogelspinnenartigen in Mitteleuropa. Die heimischen Arten werden 5 bis 12 mm groß, wobei die orthognathen Cheliceren nicht mit gemessen sind und durch ihre Größe auffallen. Die kleinen und kräftigen, dunkelbraunen Tiere sind dadurch leicht zu erkennen.
Jagdtechniken der Spinnen
Webspinnen leben zumeist räuberisch und ernähren sich überwiegend von erbeuteten Gliedertieren, besonders Insekten, die sie aussaugen. Hierzu werden die Beutetiere zunächst mit einem enzymhaltigen Verdauungssaft aufgelöst, welchen die Spinne in ihr mit den Kieferklauen getötetes Opfer einbringt. Viele Arten bauen Netze, um ihre Beute zu fangen. Seltene Spinnen, die groß sind, kann auch Wirbeltiere wie Vogel oder sogar Schlange attackieren. Neben der aktiven Jagd gibt es zwei Ausnahmen in der Ernährungsweise. Erstens fressen nahezu alle Spinnen auch frische, tote Tiere und sind somit auch Aasfresser. Die zweite Ausnahme bildet die Springspinne Bagheera kiplingi, die sich fastausschließlich vegetarisch von Belt'schen Körperchen einiger Akazien ernährt; dies sind spezielle Futterkörperchen direkt an den Blättchen, die diese Akazien für die beherbergten Ameisen insbesondere als Lock- und Nahrungsmittel ausbilden. Die Gespinste der Webspinnen differieren je nach Gattung und Art im Aussehen. Oft halten sich die Tiere in der Nähe der Netze in röhren- oder trichterartigen Verstecken auf. Daneben gibt es auch viele Arten, die vagabundieren und ihre Beute im Lauf oder Sprung überwältigen.

Fast alle Webspinnen sind Landtiere. Sie sind über den ganzen Erdkreis verbreitet, doch finden sich in den heißeren Zonen die meisten und größten Arten. Die einzige Spinnenart, welche im Wasser lebt, ist die Wasserspinne (Argyroneta aquatica). Allerdings gibt es eine Reihe von Arten, die auf der Wasseroberfläche jagen. Krabbenspinnen sind reine Lauerjäger, die keine Fangnetze und deren heimische Vertreter noch nicht einmal Wohngespinste weben. Viele Krabbenspinnen lauern auf Blüten und Blättern auf Beute und können als Meister der Tarnung und Täuschung ihre Körperfärbung aktiv in wenigen Tagen dem Untergrund anpassen, so dass man an der Färbung des Weibchens meist ihren Lebensraum ablesen kann. Die Farbvarianten reichen von blütenweiß mit roten Streifen bis blassgrün oder bräunlich (Veränderliche Krabbenspinne, Misumena vatia), leuchtend gelb bis smaragdgrün(Arten der Gattung Heriaeus), gefleckt, längsgestreift (Runcinia), gelb bis orange (Synaema). Grüne oder auffällig gefärbte Tiere leben auf Blüten und Blättern, während dunklere Arten auf Baumstämmen oder in Bodennähe leben. Bizarre Körperformen mit Höckern und Gruben, Punkten und Längsstreifenunterstützen die farbliche Tarnung der Tiere durch Flächenauflösung. Thomisus onustus nimmt beispielsweise die Farbe der Blüte an, auf der die Art jagt.
Feinde und Abwehrtechniken der Spinnen
Als Fressfeinde von Spinnen spielen unter den Wirbeltieren vor allem Vögel eine wichtige Rolle. Amphibien, Reptilien (Geckos, Leguane, Salamander etc.) und Fledermäuse erbeuten seltener Spinnen. Weitere wichtige Fressfeinde sind andere Spinnen, so z. B. die Mimetidae, die sich ausschließlich von Spinnen ernähren. Manche Insekten wie zum Beispiel einige tropische Libellen und verschiedene Ameisen fressen Spinnen. Alle Wegwespen (Pompilidae) und einige Grabwespen fangen Spinnen für ihren Nachwuchs. Sie erbeuten eine Spinne, die sie mit ihrem Giftstachel betäuben, und bringen sie dann in ihr Nest ein, wo die Wespenlarve die Spinne auffrisst. Einige Schlupfwespen legen ihre Eier in lebende, häufig vorher betäubte Spinnenkörper, die sich entwickelnden Larven leben dann als Parasitoide in diesen Wirten. Auch die Kugelfliegen entwickeln sich auf diese Weise in Spinnen. Hinzu kommen verschiedene Parasiten wie etwa Fadenwürmer und Milben.

Die Spinnen haben folgende Abwehrtechniken:
• Bewaffnung mit Giftdrüsen oder Bauchnadeln(z.B. Echte Radnetzspinnen)
• sich verstecken und vermummen (z.B. Konusspinne)
• Schutzfärbung (z.B. Krabbenspinne)
• fliehen
• Totstellreflex, Schreckstarre (manche Echte Radnetzspinnen)
• Autotomie: Laufbein abzuwerfen (z.B. Trichterspinnen)
Gefährdung und Schutz der Spinnen
Auch wenn sie nicht wie bestimmte Säugetier- und Vogelarten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, sind einige Spinnenarten in bestimmten Regionen äußerst selten und in ihrem Bestand bedroht. Der Gefährdungs- bzw. Schutzstatus der einzelnen Arten wird in den Artikeln – so weit bekannt – genannt. Zur Zeit ist nur eine Spinnenart europaweit gesetzlich geschützt (Macrothele calpeiana). In Deutschland sind folgende fünf Spinnenarten besonders geschützt (Bundesministerium der Justiz 2005):
Arctosa cinerea
Dolomedes fimbriatus
Dolomedes plantarius
Eresus cinnaberinus
Philaeus chrysops

Davon stehen Arctosa cinerea, Dolomedes plantarius und Philaeus chrysops unterstrengem Schutz. (Bundesministerium der Justiz 2005) Geschütze Arten dürfen in keinem Fall ohne Ausnahmegenehmigung in ihrem Lebensraum gestört, entnommen oder gar getötet werden. Alle anderen Spinnenarten sind nur indirekt in Naturschutzgebieten geschützt. In diesen speziell gekennzeichneten Lebensräumen dürfen (ohne Ausnahmegenehmigung) keine Tier- und Pflanzenarten entnommen oder beeinträchtigt werden. (Bundesministerium der Justiz 2005) Quelle: URL-Link 2

Im Allgemeinen geht die Gefährdung einer Spinnenart viel stärker von der Veränderung beziehungsweise Zerstörung ihres Lebensraumes aus, als von der Entnahme einzelner oder gar vieler Exemplare. Das Vermehrungspotenzial der meisten Arten ist so groß, dass der Verlust einiger Individuen keine Rolle spielt. Dennoch sollten Spinnen nicht ohne Sinn aus ihren Lebensräumen entnommen und getötet werden. Es sind Tiere mit einer ausgeprägten Sinneswahrnehmung und einem wichtigen Stellenwert innerhalb der Ökosysteme.
Links
Quellen
1. GRUNER,H. E. (Hrsg.), M. Moritz, W. Dunger (1993): Lehrbuch der speziellen Zoologie, Band I: Wirbellose Tiere, 4. Teil: Arthropoda (Ohne Insekta), Gustav Fischer Verlag (Jena, Stuttgart, New York)
2. BELLMANN, H. (1997): Kosmos-Atlas Spinnentiere Europas, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart.
3. BELLMANN, H. (1992): Spinnen, beobachten – bestimmen. Naturbuch, Augsburg.
4. BRINKMANN, R. (1998): Berücksichtigung faunistisch-tierökologischer Belange in der Landschaftsplanung, Niedersächsisches Landesamt für Ökologie, Hannover.
5. SCHAEFER, M. (2000): Brohmer, Fauna von Deutschland: ein Bestimmungsbuch unserer heimischen Tierwelt, 20., überarbeitete Auflage, Quelle&Meyer Verlag GmbH&Co., Wiebelsheim.

 

 

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