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Gambas und Granat - Krabbenpulen ohne Reue?

Ein studentischer Beitrag von Iris Woltmann, Meltem Cacur, Aaron Lier und Ivan Ivanov. [20.10.10]
Gambas und Granat - Krabbenpulen ohne Reue?
Für viele küstenbewohnenden Norddeutschen ist es der Inbegriff von Zuhause sein: Der Gang zum Hafen, in den der kleine Krabbenkutter mit regelmäßig tuckerndem Motor einläuft , an der Pier festmacht und direkt vom Schiff gekochten Granat, wie der Norddeutsche die noch panzerbewährte Nordseegarnele Crangon crangon bezeichnet, verkauft.
Aber wie genau steht es denn nun um die Garnelen auf unserem Speisezettel?
Der Konsum von kleineren Krustentieren erfreut sich in weltweit zunehmender Beliebtheit. Im Jahr 1950 wurden „nur“ etwa 0,5 Millionen Tonnen Garnelen auf den Weltmarkt gebracht, im Jahr 2005 waren es bereits 6 Millionen Tonnen.
Laut Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) gibt es weiterhin eine steigende Tendenz. Wurden Garnelen früher fast ausnahmslos in den Küstenbereichen verzehrt, stehen die Tiere heute auch bei vielen Binnenländlern regelmäßig auf dem Speiseplan. Meist kommen die Tiere tiefgekühlt oder gekocht in den Handel. Seltener und eher küstennah kommt auch lebende Frischware in den Verkauf. Zeitgleich mit steigenden Konsum- und Verkaufszahlen für diese Fischereierzeugnisse, ist auf dem Markt ein Preisverfall zu beobachten.
Was kaufen wir da eigentlich ein?
Eine Vielzahl verschiedener Arten wird auf deutschen und internationalen Märkten, unter den Namen Garnelen, Gambas, Shrimps, Crevetten, Prawns, Granat oder Krabben, angeboten. Welche der insgesamt etwa 3000 verschiedenen Garnelenarten gerade „gepult“ auf dem Teller liegt, wie die Norddeutschen das Entfernen des chitinhaltigen Panzers nennen, weiß dann kaum noch jemand genau. Angaben auf den Verpackungen sind oft ungenau, manchmal sogar schlichtweg falsch. So kommt beispielsweise der Kaisergranat Nephrops norvegicus schon häufiger als Shrimp in den Verkauf, gehört aber zu den Hummerartigen, den Nephropidae.
Garnelen gehören zu den Zehnfußkrebsen, den Decapoda. In der Fischindustrie sind etwa 300 Arten aus drei Familien von wirtschaftlichem Interesse. In Abhängigkeit von Reproduktivität und Lebensbedingungen können diese aus Wildfängen oder aus Zuchtanlagen, der Aquakultur kommen [URL 1].

Schwebegarnelen in der Oosterschelde Photo: Rudi Schloemer
Wildfang am Beispiel der Nordseegarnele Crangon crangon
Die Krabbenfischerei zählt in der Nordsee zu den wohl umsatzstärksten Fischereigebieten und wird dort seit dem 17. Jahrhundert praktiziert. Als Krabbe wird in Norddeutschland die Nordseegarnele Crangon crangon bezeichnet. Wo früher noch mit Pferden und in geringen Mengen gefischt wurde, sind heutzutage 650 Krabbenkutter aus Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich Belgien und Deutschland unterwegs, die laut WWF ca. 38.000 Tonnen Nordseekrabben Jährlich diesem Meer entnehmen. Das entspricht einem Jahresumsatz von ca. 70 – 90 Mio. Euro. Deutschland und die Niederlande stellen die größte Anzahl der Fangschiffe.
Gefischt wird überwiegend mit Baumkurren. Diese 14-20 Meter langen und 4-12 Meter breiten Grundnetze zeichnen sich durch geringe Maschenweite aus. Eine Baumkurre gleitet auf Kufen über den Meeresboden, was Meeresorganismen auf- und damit ins Netz scheucht.
Ein großes Problem, welches neben der überdurchschnittlich großen Entnahmemenge an Nordseekrabben besteht, ist das ungewollte Anlanden von Beifang. Dieser besteht in der Regel aus Jungfischen und untermäßigen Garnelen, welche nicht für eine kommerzielle Nutzung verwendbar sind. Im Durchschnitt kann davon ausgegangen werden, dass auf einen Kilo gefangener Krabben, neun Kilo Beifang kommen. Dies ist eine erschreckende Bilanz, wenn man überlegt, dass ca. 20% hiervon nur tot ins Meer zurück gelangt. Häufig tragen die diese Prozedur überlebenden Meeresorganismen Wunden davon, welche sie für spätere Infektionen anfällig macht.
Der Anteil, der direkt tot ins Meer gelangt, wird größtenteils von Seevögeln verzehrt, was ihrerseits zu einer nicht artgerechten Ernährungsweise und damit zu einer unnatürlichen Vergrößerung ihrer Populationen führt. Aber auch lebendige Tiere werden beim Rückwurf von Möwen gefressen, was die Sterblichkeit des Beifangs noch weiter erhöht [URL 2].

Fischkutter am Rande des Mangrovengürtels auf Ibo Island. Photo: Marc de Vriendt
Aquakultur
Die Garnelenzucht erscheint, wenn man die Daten der Welternährungsorganisation betrachtet, als Verfahren das in den vergangenen 50 Jahren entwickelt wurde. Tatsächlich wurden aber in Asien bereits im 15. Jahrhundert, in Brackwasserteichen und in den Mangrovenwäldern der Küstenregionen, Garnelen gezüchtet die für den Verzehr bestimmt waren. Auf den überregionalen Märkten und im Handel hatte die Garnelenzucht bis in die 30er Jahre kaum Bedeutung.
Zurzeit werden etwa 1,5 Millionen Hektar der Küstengebiete für Zuchtanlagen verwendet. 40% der weltweiten Shrimpsproduktion stammt aus der Aquakultur. Große Teile der Mangrovenwälder wurden bereits für den Bau und das Betreiben der Anlagen zerstört. Die Mangrovenwälder sind für viele Arten von Vögel, Fischen und Krebsen unersetzbare Brut-, Laich- und Aufzuchtgebiete.

Mangrovenwald, der schon bald Aquakultur sein könnte. Photo: Marc de Vriendt
Hohe Besatzdichten der Zuchtanlagen sind verbunden mit hohem Anfall von Fäkalien, Einsatz von Chemikalien und Antibiotika. Aus diesem Grund werden Zuchtteiche, bei Intensivhaltung mit Besatzdichten 300 000 Tiere/ Hektar, nach 3 – 5 Jahren unbrauchbar. Der Schlamm, der sich auf dem Boden absetzt ist giftig, das Zuchtgebiet wird verlassen und es werden neue Zuchtbereiche erschlossen.
In der semi- intensiven und der extensiven Zucht mit Besatzdichten bis zu 100 000 Tieren, fallen zwar weniger Fäkalien/ Hektar an und es werden auch weniger Chemikalien und Antibiotika eingesetzt. Dafür aber ist die benötigte Fläche größer und muss mit allen Notwendigkeiten der Infrastruktur wie beispielsweise Zuwegungen oder Einsatz von Transportfahrzeugen, verbunden bzw. ausgestattet werden [URL 3].
Handlungsoptionen ... oder „was kann man denn jetzt essen?“
Garnelen sind mit der ertragsstärkste Bereich auf dem internationalen Fischmarkt. Nachhaltige, bestands- und umweltschonende Fischerei und Aquakultur werden, gerade im Hinblick auf die Erhaltung wichtiger und einzigartiger Ökosysteme, immer wichtiger.
Neben der Verringerung des Konsums gibt es noch eine Reihe anderer Handlungsmöglichkeiten. Die Handlungsoptionen hängen dabei von der Herkunft der Garnelen ab.
Schonender Wildfang
Der Einsatz bestands- und umweltschonender Netze (selektiver Netze) ist bereits seit 2003 durch die EU vorgeschrieben, jedoch befreien sich Deutschland und die Niederlande, welche 85% des Krabbenfangs in der Nordsee durchführen, in den wichtigsten Hauptfangzeiten von diesem Verbot.
Eine gute Alternative zum schonenden Fang ist das räumliche Ausweichen auf tiefere Gewässer, denn besonders viel Beifang entsteht im flachen Wattenmeer. Die Saisonale Fangbegrenzung würde ebenfalls nützlich zum Schutz vieler Meeresorganismen sein. Eine Fangbegrenzung im Juni z.B. würde das häufige Anlanden von Jungschollen größtenteils vermeiden [URL 3].

Felsengarnele in der Oosterschelde Photo: Rudi Schloemer
Marine Stewardship Council - Siegel
Das Marine Stewardship Council (MSC) wurde im 1997 als eine Kooperation zwischen Unilver, einer der größten Erzeuger in der Welt von Meeresfrüchte-Produkten, und dem WWF gegründet. MSC belohnt nachhaltige Fischerei mit einem Siegel, das besagt, dass der Fisch mittels zertifizierter umwelt- und bestandsschonender Fangmethoden angelandet wurde. Grundlage der Zertifizierung ist der Erhalt gesunder Populationen [URL 4].
A l t e r n a t i v e n zur konventionellen Aquakultur:
Aquaculture Stewardship Council
Der ASC (Aquaculture Stewardship Council)wurde 2009 durch WWF und IDH (Dutch Sustainable Trade Initiative) gegründet, und trägt die Verantwortung für die Zertifizierung nachhaltig wirtschaftender Zuchtfarmen [URL 5].
Als Bio - Aquakultur Garnelen werden Garnelen bezeichnet die mittels Kontrollierter biologischer Bewirtschaftung gezüchtet wurden. Bei deren Aufzucht wird völlig auf den Einsatz von Kunstdünger und Pestizide verzichtet. Außerdem erfolgt die Vermehrung ohne Einsatz von Hormonen. Biofische ernähren sich ausschließlich von Naturnahrung.
Zudem wird nach Möglichkeit auf längere Transportwege verzichtet. Die Garnelen aus Bio- Aquakultur kommen meist sogar frischerauf den Tisch.
Ein Beispiel für nachhaltige Aquakultur ist das Tambak System. Hier wird Reis-Produktion mit Aufzucht von Fisch und Garnelen-Aquakultur kombiniert. Der Fisch und Garnele werden in den Reisfeldern erzogen, nachdem der Reis geerntet wurde [URL 6].
... und wir können auch Anderes essen:
Wollhandkrabben sind eine berühmte Delikatesse in der Chinesische Kochkunst. In vielen Gewässern taucht diese Art als Neozoon, also als eingeschleppte Art auf. Hier zerstört sie ganze Populationen einheimischer Arten. Auf die Ausbreitung der Wollhandkrabbe antwortend, haben Unternehmer angefangen, es als die neue Quelle der Krabbenindustrie zu sehen, um die riesige Nachfrage auf dem Weltmarkt zu bedienen [URL 7].
Quellenangaben
[URL 1] ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/011/i0300e/i0300e.pdf
[URL 2] http://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/pdf_neu/WWF-Studie_Krabbenbeifang_090219_Internet.pdf
[URL 3] http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5948/pdf/WaltherMarc-2008-06-10.pdf
[URL 4] http://www.wisegeek.com/what-does-marine-stewardship-council-certification-mean.htm
[URL 5] http://www.ascworldwide.org/index.cfm?act=tekst.item&iid=2&lng=1
[URL 6] http://mangroveactionproject.org/issues/shrimp-farming/sustainable-alternatives-of-shrimp-aquaculture
[URL 7]http://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_mitten_crab

 

 

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