Interview mit Dr. Ullrich Hautau, Handelskammer Bremen

Bremen gilt als Stadt der Talente. Angenommen, ich bin so ein High Potential, wie finde ich eine Aufgabe, die zu mir passt?

Die Berufswahl sollte jeder von langer Hand vorbereiten, idealerweise sich bereits während des Studiums dazu Gedanken machen. All das braucht Zeit, man sollte es nicht unterschätzen. High Potential ist jeder auf seine Art und Weise. Wichtig ist, ein realistisches Bild von sich selber zu bekommen. Oftmals klafft da gerade bei Berufsanfängern eine Lücke zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Deshalb sollte man sich regelmäßig Feedback von anderen Menschen holen und mit dem eigenen Selbstbild abgleichen. Das hilft ungemein.

Was zeichnet den Standort Bremen aus? Welche Branchen sind hier besonders erfolgreich?

Bremen ist der sechstgrößte Industriestandort Deutschlands; eine Stadt der kurzen Wege mit einer hohen Lebensqualität sowie insgesamt noch erschwinglichen Miet- und Immobilienpreisen. Wer die Lebenshaltungskosten mit ins Kalkül zieht, wird schnell merken, dass sich in Bremen gutes Geld verdienen lässt. Da müssen wir uns hinter anderen deutschen Metropolen nicht verstecken.

 

Schifffahrt, Häfen und Hightech-Schiffbau sind natürlich die klassischen Branchen für einen maritim geprägten Standort wie Bremen und Bremerhaven. Zudem ist hier das weltweit zweitgrößte Pkw-Werk von Mercedes-Benz angesiedelt – mit über 12.500 Mitarbeitern größter privater Arbeitgeber in der Region. Neben der maritimen Wirtschaft und Automotive zählt auch die Luft- und Raumfahrt zu den wichtigen Wirtschaftszweigen. Interessant ist ebenfalls die Nahrungs- und Genussmittelindustrie: In keiner anderen Stadt Europas gibt es eine so große Vielfalt an Produkten und Marken der Branche, wie sie in Bremen und Bremerhaven zu finden ist.

Wo kann ich mehr über Unternehmen und Industrien im Bremer Umland erfahren?

Hier gibt es viele Möglichkeiten. Sinnvoll erscheint es mir, zunächst einen Überblick über wirtschaftliche Entwicklungen in Bremen und der Region zu erhalten. Folgende Fragen könnten weiterhelfen: Wie entwickeln sich einzelne Branchen? Wie ist die aktuelle Situation? Welche Unternehmen sind überregional und vielleicht international tätig? Welche Aufgabenbereiche könnten zu meinen im Studium erworbenen Fähigkeiten passen oder schließen sich an eine bereits erfolgte Berufstätigkeit an? Was finde ich spannend?

 

Antworten finden Sie im Wirtschaftsteil der lokalen Tageszeitungen, zum Beispiel im Weser-Kurier und der TAZ für Bremen und in der Nordsee-Zeitung für Bremerhaven. Auch die monatlich erscheinende Wirtschaft in Bremen der Handelskammer oder das Magazin Wirtschaft Bremen & Bremerhaven bieten viele Hinweise und interessante Artikel.

 

Neben Bremen und Bremerhaven könnten auch die Metropolregion Bremen-Oldenburg oder die Industrie- und Handelskammer Stade für den Elbe-Weser-Raum gute Möglichkeiten bieten. Überregional lohnt sich der Blick in die Wirtschaftswoche oder das Handelsblatt, die Financial Times, den Wirtschaftsteil der ZEIT oder der FAZ.

 

Wenn ich genauer weiß, welche Branche für mich in Frage kommt, lohnt es sich, im Internet zu recherchieren: direkt bei den Firmen, bei der Datenbank REGISonline oder beim Portal Great Place to work. Viele Stellenausschreibungen finden sich auf den Webseiten der Unternehmen. Sie erfahren dort auch einiges über das Leitbild der Unternehmen sowie aktuelle und geplante Projekte. Wertvolle Hinweise und Daten über Firmen finden sich auf dem Portal Make it in Germany. Dort gibt es zu jedem Bundesland detaillierte Informationen.

Wie und wo schreiben diese Firmen Stellen aus (Tageszeitung, Social Media, persönliche Kontakte, Stellenbörsen?)

Alle Kommunikationskanäle spielen heute eine Rolle und sollten deshalb mit in die Überlegungen einbezogen werden. Jobsuche ist mit akribischer Arbeit und Vorbereitung verbunden – das fängt bereits bei der Stellenrecherche an.

Wie kann ich am besten Kontakt zu diesen Firmen aufnehmen?

Am besten selber aktiv werden. Wer nur zu Hause rumsitzt und hofft, gefunden zu werden, hat schlechte Karten. Ruhig mal den Telefonhörer in die Hand nehmen und bei der Personalabteilung nachfragen, ob Bedarf besteht oder eine Initiativbewerbung Aussicht auf Erfolg haben könnte. Natürlich spielt auch das berühmte Quäntchen Glück bei der Stellensuche mit. Das kann man sich aber erarbeiten.

Wie kreativ kann ich bei meiner Bewerbung sein? Sind Bremer Unternehmen sehr traditionell?

Das hängt von der Branche, dem Unternehmen und der konkreten Stellenausschreibung ab. In der Kreativwirtschaft hat man da sicher mehr Spielraum als in einem konservativen Metier.

Welche Möglichkeiten gibt es in Bremen, um in einem Gespräch erste Kontakte zu Firmenvertretern zu knüpfen?

Einfach mal „Jobmessen Bremen“ in die Internet-Suchmaschine eingeben. Sie werden überrascht sein, was man dort alles findet. An der Universität Bremen findet immer im Mai die Praxisbörse statt; eine tolle Möglichkeit, mit Repräsentanten von Firmen aus Bremen und der Region zu sprechen. Zudem bietet die Handelskammer verschiedene Veranstaltungen zu Wirtschaftsthemen an. Spannende Informationen und Projekte gibt es auch bei I2B, verfolgen Sie die Berichte dort.

Welche Branchen sind besonders vom Fachkräftemangel betroffen?

Vor einiger Zeit war das Problem Fachkräftemangel nur in einigen Branchen bekannt – besonders im Maschinenbau und bei den Ingenieuren. Heute sind so ziemlich alle Branchen der deutschen Wirtschaft betroffen. Dabei klagen die Unternehmen nicht unbedingt über die Quantität, sondern vielmehr auch über die Qualität der Bewerber.

Was tun Bremer Unternehmen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

Die Betriebe reagieren mit zusätzlichen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Sie entwickeln Konzepte zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch ältere Arbeitnehmer sollen nach Möglichkeit länger gehalten werden. Die Steigerung der eigenen Attraktivität als Arbeitgeber ist ein weiterer Baustein. Zudem werden immer mehr Fachkräfte aus dem Ausland rekrutiert.

Inwieweit ist das von der konjunkturellen Entwicklung abhängig?

In Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs ist es ganz normal, dass Fachkräfte vermehrt gesucht werden.

Welchen Einfluss haben internationale Ereignisse wie zum Beispiel Handelssanktionen oder der Brexit auf die Wirtschaft in Bremen?

Politische Ereignisse haben natürlich immer Auswirkungen auf die Unternehmen. Das lässt sich für eine exportorientierte Wirtschaft wie der deutschen nicht vermeiden. Die meisten Betriebe wissen aber damit umzugehen und die Risiken zu meistern.

In welchen Branchen gibt es auch absehbar viele Bewerber um eine Stelle?

Wie bereits gesagt: Die Unternehmen klagen weniger über die Quantität, sondern vielmehr über die Qualität der Bewerber.

Muss ich gut Deutsch sprechen können, um mich hier zu bewerben?

Deutsch ist ein absolutes Muss, wenn man hierzulande arbeiten möchte. Ich kann nur jedem ausländischen Studenten empfehlen, so früh wie möglich Deutsch zu lernen und entsprechende Sprachkurse zu belegen. Nebenbei fördert das natürlich auch die soziale und gesellschaftliche Integration.

Angenommen, ich komme aus Indien, habe an der Hochschule Bremen meinen MBA gemacht und verfüge über 3 Jahre Berufserfahrung in Indien. Soll ich mich hier auf ein Praktikum bewerben?

Eher nicht. Nur im Notfall, um zum Beispiel den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein ausländischer Studienabsolvent aus einem Nicht-EU-Staat hat 18 Monate Zeit, eine angemessene Beschäftigung zu finden. Danach riskiert er seinen Aufenthaltstitel. Deshalb sollte er möglichst seine ganze Kraft für die Jobsuche verwenden.

Was kann die Handelskammer für mich tun?

Wir vermitteln keine Fachkräfte und Hochschulabsolventen. Das können andere wie die Arbeitsagentur, private Personalberatungen oder Headhunter viel besser. Wenn man sich aber selbstständig machen oder ein Unternehmen gründen will, dann helfen wir gerne mit unseren Existenzgründungsberatungen weiter. Insgesamt sind die Themen Unternehmensgründung und Selbstständigkeit bei den ausländischen Studierenden noch viel zu wenig in den Köpfen.

Wie kann ich mehr über studienbegleitende Praktikumsstellen erfahren?

Auch hier sollte man sich auf Jobmessen, in einschlägigen Internetportalen oder direkt bei den Unternehmen informieren. Die International Offices der Hochschulen können wertvolle Hinweise und Tipps geben. Es gilt die goldene Regel: Augen und Ohren auf, selber aktiv werden. Von nichts kommt nichts!