Klimawandel, Digitalisierung und planetarische Urbanisierung – und seit 2020 auch noch das Pandemiegeschehen: schnell wird ersichtlich, dass die großen Fragen unserer Zeit zu großen Teilen Fragen der Organisation und Gestaltung des gebauten-gelebten Raumes sind und somit die städtebauliche Entwurfsarbeit und unsere Konzeptionen von Stadt und Stadterneuerung sich unmittelbar an der Suche nach neuen Wegen in einer sich ändernden Welt beteiligen müssen. Diese Suche zu fördern, zu begleiten und kritisch zu reflektieren ist das Tätigkeitsfeld einer angewandeten Stadttheorie wie ich sie an der School of Architecture Bremen und am Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb) auch in der Forschung vertrete. Die Forschung orientiert sich u.a. an folgenden thematischen Schwerpunkten:
 

  • Klimaneutralität und Klimagerechtigkeit in der Stadtentwicklung
  • Lebendige Infrastrukturen
  • Öffentliche Räume für eine plurale Gesellschaft
  • Urban Knowledge Production (Fokus Lateinamerika)
  • Künstlerische Forschung in der Stadttheorie/Urban Studies
  • Prozessorientierte, relationale Planung
  • Dwelling Urbanism: Cityness and Infrastructural Practice

Laufende Forschungsprojekte


Öffentliche Räume für eine plurale Gesellschaft

Seit Beginn der 2000er Jahre hat die Rede von der ‚Krise der Demokratie‘ Dauerkonjunktur. Beklagt werden gleichermaßen ein zunehmendes politisches Desinteresse wie auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft in Richtung ideologischer Pole. Im ersten Fall droht die ‚Streitkultur‘ als unerlässliches Merkmal von Demokratien ganz zu verschwinden, im letzteren zu verrohen. Eine gute Streitkultur setzt voraus, dass sich unterschiedliche Interessen und Werte artikulieren können und nebeneinander bestehen bleiben dürfen, auch wenn sie sich nicht in Konsens oder Kompromiss auflösen lassen. In Stadtentwicklung, Städtebau und Freiraumplanung dominieren hingegen weiterhin Konzeptionen für städtische Räume, die auf eine Harmonisierung von Gesellschaft abzielen, letztlich aber die Entzifferung gesellschaftlicher Gegensätze aus den gemeinsamen Erfahrungsräumen in die ‚Echoblasen‘ scheinbar Gleicher und Gleichgesinnter abdrängen. Wie also mit der Gestaltung öffentlicher Räume dieser spalterischen Tendenz begegnen? Denn dass solche befriedenden und homogenisierenden Raumkonzepte weder demokratiefördernd sind, noch angesichts unserer zunehmend pluralisierten Gesellschaften zukunftsfähig, verdeutlicht die ‚Migrationspanik‘ der letzten Jahre.

Die Grundannahme des Forschungsvorhabens ist, dass unsere geteilten Lebensräume für die alltäglich in ihnen stattfindenden Praktiken und Wahrnehmungen von Anderen einen wesentlichen Beitrag zur Kultivierung der Streitkultur und zur Resilienz gegen zunehmende und gesteuerte kollektive Paranoia leisten können. Folglich brauchen wir Räume, in der sich gesellschaftliche Konflikte darstellen können, und in denen das einander Fremdsein und -bleiben akzeptierte Optionen der gesellschaftlichen Teilhabe sind. Beispielhafte städtische Räume sollen daraufhin untersucht werden, auf welche unterschiedlichen Weisen sie wahrgenommen und in Gebrauch genommen werden, und welche Provokationen und Konflikte in diesem pluralen Miteinander-im-Raum-sein latent vorhanden sind. In einem zweiten Schritt werden konkrete Handlungsanweisungen für die Gestaltung öffentlicher Räume für eine offene, plurale Gesellschaft formuliert.

Projektpartner*innen:
 

  • Dr. Martin Peschken, TU Braunschweig, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Stadt (gtas)
  • Katharina Rohde, Uni Leuven, UdK
  • Prof. Dr. Antje Krueger, Hochschule Bremen

Ourban knowledge production from rhe region (Fokus Lateinamerika)

The world is turning urban – and it is in cities that we need to find answers to the challenges that this wholesale urban transformation of our planet and society brings about. Yet apart from urgent action, the complexity of the matter also requires us to work on a common language for the perception and interpretation of the processes involved – since only what we are able to see and describe together can serve as the starting point of any empowerment to act also together. This is the objective of a global, ordinary urban theory (Robinson 2006, Robinson and Roy 2016), a theory of the city that attempts to develop meaningful ways to see and interpret our changing world from the ‘ordinary’ everyday experiences of ‘ordinary’ cities, in order to investigate global urban transformations from multiple perspectives and to develop suitable, location-specific as well as communally valid approaches to formulate both criticism and possible solutions. The research project and international conference series aim to contribute to such a (re)invention of concepts from a specific Latin American perspective and/or by building up from specific Latin American urban experiences. This, secondly, is also to challenge the emerging theorization of the urban “from the South”, as we are realising that much of such southern theorizing is still actually channelled through persisting colonial relationships. The rich body of Latin American work is therefore often left aside in research endeavours initiated in the English but also German speaking academic world (for a critical account see Varley 2013).

Projektpartner*innen:

  • Clara Sofie Röhrig, Universität Bremen
  • Dr. Álvaro Sanchez, UCL
  • Tania Guerrero, UCL
  • Ana Álvarez, Mexico City

Förderung:

  • Fritz Thyssen Stiftung (Konferenz)

Weitere Informationen:

Relational Planning: Prozessorientierte Stadtplanung in Bremen

Räumliche Planungen sind thematisch, zeitlich und in Bezug auf ihre Akteursstrukturen vielschichtig verworrene Prozesse die zudem von der Unvorhersehbarkeit des Wandels und Zusammenspiels einer Fülle an Einflussfaktoren bestimmt werden. Wie können Stadtplaner*innen auf diese Unbestimmtheiten reagieren? Top-down wie auch kommunikative Planungsansätze stoßen hier auf ihre jeweiligen Grenzen. In einem relationalen Ansatz (vgl. Amin 2011) aber lassen sich fachliche Übersicht und partizipative, inklusive Prozessgestaltung versöhnen. Im Zentrum des Forschungsvorhabens steht die Prozesshaftigkeit räumlicher Planung (Stadtplanung). Anhand der Analyse konkreter Beispiele werden die Prozesse historischer wie aktueller Stadt- und Quartiersplanungen in Bremen in ihrer Gesamtheit beschreiben und dabei die ihnen innewohnende Komplexität und ggf. Widersprüchlichkeit aufgezeigt. Die so ermittelten Chronologien, Kontexte, Konzepte, Akteure/Akteursstrukturen und Kommunikationsformen der einzelnen Vorhaben werden sodann untereinander verglichen und gemeingültige Aussagen für eine prozessorientierte, relationale Planungspraxis formuliert.

Projektpartnerin:

  • Almut Wolff, Jade Hochschule, Oldenburg, Fakultät Architektur

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Dwelling urbanism: City making through corporeal practice in Mexico City

City dwellers are direct agents in the making of cities; yet how do they actually constitute and sustain the urban and its forms? How do they practice the urban and through this practice shape the city-in-the-making that emerges along with them on the backs of their working bodies? Dwelling Urbanism re-thinks the urban from this perspective of corporeal making and with regard to the cityness that it bears. It delves into the thick of life in the periphery of Mexico City, uncovering the everyday actions and efforts that practitioners of space accomplish when building houses, creating jobs and putting themselves to work as infrastructure. How are consequential conjunctions, how is access to, and presence in the city actively grown? And what does such thinking the city as a verb, as citying, imply for urban planning?

Veröffentlichung:

Social urban sustainability and the arts: Negotiating the future of urban living

Im Rahmen des artist-in-residency Programms Nine Urban Biotopes (9UB) wurden urbane Zukunftsfragen diskutiert und deren Erforschung und Vermittlung durch partizipative Kunstprojekte untersucht. Nachbarschaftsorganisationen zur Verbesserung urbaner Lebenswelten in Berlin, Durban, Kapstadt, Johannesburg, London, Paris und Turin wurden zu Trägern unterschiedlicher Stadt-Kunstprojekte, welche, miteinander vernetzt, über geographische, kulturelle und thematische Grenzen hinweg in einen trans-lokalen Dialog traten. Auf dieser Grundlage wurden Fragen nach städtischer Mobilität, Gesundheit, Migration, Wohnen und Arbeit gemeinsam und mit künstlerischen Mitteln erforscht und in einem ebenfalls live-vernetzten Ausstellungskonzept öffentlich diskutiert.

9UB wurde von urban dialogues Berlin initiiert und mit Partnern in Europa und Südafrika durchgeführt. Für Goldsmiths College, University of London, habe ich die akademische Evaluierung verantwortet.

Projektpartner*innen:

  • urban dialogues, Berlin; Stefan Horn
  • lokale Initiativen, NGOs, kulturelle und Regierungsinstitutionen und Universitäten in Südafrika und Europa
  • Goldsmiths College, University of London; Dr. Alison Rooke


Förderung:

  • Europäische Union, EU-Culture Programme Strand 1.3.5


Weitere Informationen und Veröffentlichung: